Frédéric Chopin

Préludes op. 28

Ivo Pogorelich


Deutsche Grammophon
(10/1989) aufgenommen in Hamburg

Seit seinem spektakulären Ausscheiden beim Warschauer Chopin-Wettbewerb im Jahr 1980 gilt der mittlerweile neununddreißig Jahre alte Ivo Pogorelich als schillerndster Paradiesvogel und radikalster Exzentriker im Club der ohnehin nicht zimperlichen Starpianisten von heute. Damit scheint doch er der berufene Nachfolger Glenn Goulds in der Rolle des eigenwilligen Helden zu sein, auch wenn beide musikalisch kaum etwas verbindet.
Der sensible Klangmagier und Hyperästhet Pogorelich vertritt geradezu die Gegenposition zu Goulds knochentrockenem und anti-expressiven Klangideal: Trotzdem haben beide auf ganz unterschiedliche Weise Entscheidendes zur Herausbildung einer vom Konzertsaal losgelösten Ästhetik der Studioaufnahme beigetragen: Während Gould die Möglichkeiten der Schnittechnik zur Herstellung seiner objektivistischen Klangbilder, die er als "endgültig" ansah, extrem weiterentwickelte, versucht Pogorelich bei seinen Studioproduktionen, die Differenzierung des Klavierklangs auf die Spitze zu treiben und den höchsten Grad an Klangfarben-Nuancierung mit den Mitteln der modernen Digitaltechnik aus dem Steinway herauszuholen.
So gelang ihm bereits 1989 unter Mithilfe des Produzenten und Tonmeisters Karl-August Naegler eine musikalisch wie akustisch derart perfekte Einspielung der hierfür besonders geeigneten "Préludes" von Frédéric Chopin, dass die emphatische Vokabel von der "Jahrhundert-Aufnahme" hier nicht zu hoch gegriffen scheint: Noch heute, acht Jahre später, hält sie, trotz einer nicht gerade schwächlichen Konkurrenz von mehr als dreißig Alternativ-Versionen, souverän und unangefochten den Referenz-Status.
Die an akustischer Raffinesse kaum zu überbietenden Feinstrukturen manifestieren die Vorzüge der Studioaufnahme in nie zuvor dagewesener klanglicher Perfektion: Wir erleben die Metamorphose des Konzertsaal-Klangs in ein neuartiges Artefakt eigener Ordnung, und die drei letzten Kontra-Ds im verzweifelt sich aufbäumenden abschließenden d-Moll-Prélude entscheiden auch über die Standfestigkeit der eigenen Stereoanlage. Selbst wenn man nicht in allen Details der romantisch-exzentrischen, auf die pure Zuspitzung aller Ausdruckswerte ausgerichteten Musizierhaltung Pogorelichs folgen mag, so unterstreichen diese vierundzwanzig Miniaturen gerade in ihrem messerscharfen Kontrast, in ihrer wilden, manisch-depressiven Gegensätzlichkeit die Genialität von Chopins unerschöpflicher pianistischer Fantasie und zugleich seine handwerkliche Meisterschaft im präzisen "finish" seines Mikrokosmos.
Erst Ivo Pogorelichs pianistische "Lasertechnik" enthüllt uns die funkelnde Farbenpracht und Singularität jedes einzelnen dieser vierundzwanzig musikalischen Edelsteine. Und ganz nebenbei ist es ein wunderbares Plädoyer dafür, dass Virtuosität und Poesie sich nicht ausschließen müssen.

Attila Csampai, 01.06.1996


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