Giuseppe Verdi

Macbeth

Maria Callas, Enzo Mascherini u.a., Chor und Orchester der Mailänder Scala, Victor de Sabata


EMI CMS 7 64944 2
(12/1952) 1 CD, Live-Mitschnitt vom 7. Dezember 1952

Von der starken, begabten, überlegenen Frau, behaftet mit dem Makel der Kinderlosigkeit, an der Seite eines schwächlichen, zaudernden, feigen Karrieristen handelt Shakespeares "Macbeth". Er führt uns eine Ehe der negativen Abhängigkeiten und der komplementären Krankheitsbilder vor. Der junge Verdi, der den von Bellini und Donizetti ererbten Schöngesang endlich mit Wahrheit durchsetzen und psychologisch glaubhaft machen wollte, erkannte in der abgründigen Parabel Shakespeares einen für "negative" musikalische Tonfälle geradezu prädestinierten Stoff.
Erstens entbehrt er einer Liebesgeschichte und wendet sich damit gegen das Opern-Grundschema des tragischen Dreieckskonflikts, zweitens unterminiert er das Prinzip des Belcanto, der ja die musikalische Gestaltung intakter Gefühle vorsieht. Die Krankheit des Seele aber kennt keinen Gesang. Wie sollte man also den stummen, abgründigen Wahnsinn des Herzens, die Perversion der Gefühle, das Anti-Vokale schlechthin, in Töne fassen? Verdi stellte paradoxe Forderungen, und keine Sängerin war imstande, sie auszuführen. Er wollte den hässlichen, vergifteten Belcanto, und er forderte in einem Brief ausdrücklich, dass die Lady "hässlich und böse" und "mit einer rauhen, erstickten, hohlen Stimme" zu singen habe, ja, dass sie am besten überhaupt nicht sänge.
Was Verdi zu seinen Lebzeiten versagt blieb, ging 105 Jahre nach der Uraufführung der Oper, am 7. Dezember 1952, an der Mailänder Scala in Erfüllung. Maria Callas, gerade neunundzwanzig Jahre alt, schaffte es auf Anhieb, Verdis unmögliche Forderung ein für allemal klingende Wirklichkeit werden zu lassen: Krankheit, Dämonie und Wahnsinn mit den Mitteln des Schöngesangs vollendet umzusetzen und den Belcanto buchstäblich von innen heraus zu vergiften. Sie sang die Lady in einer einzigen Serie von fünf Aufführungen und danach nie wieder. Doch es reichte, um auf Anhieb einen Standard des Vollkommenen und Unerreichbaren zu setzen, an dem alle späteren Darstellerinnen bis heute (!) scheitern sollten.
Victor de Sabata, der strenge, trockene Rhythmiker, stand an jenem Eröffnungsabend der neuen Scala-Saison in Mailand am Pult und hielt die Callas durch straffe Tempi am kurzen Zügel: So kamen ihre wahrlich dämonischen Ausdrucks-Qualitäten — besonders im Mordduett des ersten und im Trinklied des zweiten Aktes — noch gebündelter, noch abgründiger, mit geradezu ätzender Schärfe zum Einsatz. Diese Meisterleistung ließ auch den an sich zweitklassigen Bariton Enzo Mascherini in der Titelrolle über sich hinaus wachsen, und er sang an diesem denkwürdigen Premierenabend einen in seinem paranoiden Wahn sehr eindrucksvollen Macbeth.
Den Höhepunkt aber setzte die Callas mit ihrer unglaublich mutigen, in ihren Ausdrucksnuancen bis an die Grenzen des Vokalen gehenden, ergreifend realistischen Interpretation der berühmten "großen Nachtwandelszene der Lady" im vierten Akt — sie wurde zum unerreichten Vorbild für alle späteren Darstellerinnen der Rolle. Verdi hat hier Shakespeares humanistisch-aufgeklärte Denkweise uneingeschränkt übernommen und seine Figur des Arztes auch in der Oper eingesetzt. Denn durch dessen Anwesenheit in der Wahnsinnsszene erscheint die Lady auch als bemitleidenswertes Wesen, als seelisch kranker Mensch, der heilender Zuwendung bedarf.
Und so hat Verdi im Instrumentalvorspiel zu ihrer Arie eine überaus zärtliche, mitfühlende Seelenmusik geschrieben, die an Violetta Valéry, eine andere bemitleidenswerte Figur erinnert. Und die Callas hat diesen Perspektivenwechsel vom blutgierigen Dämon zur schwachen, kranken, gebrochenen Kreatur allein mit ihrer Gesangskunst so erschütternd in Töne gesetzt, dass man noch heute, fünfundvierzig Jahre danach, und trotz des ruinösen Klangbildes der Live-Aufnahme, der unantastbaren Aura und dem archaischen Zauber ihres Tones erliegt: Diese kathartische Kraft unterscheidet den Götterboten vom normalen Sterblichen. Und es ist nicht nur bei der Lady Macbeth so, dass es da ein kleines Vorzimmer gibt, in dem sich viele Kandidatinnen tummeln, und den eigentlichen Olymp, in dem eine einzige Sängerin residiert.

Attila Csampai, 01.02.1997


Kommentare

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schneiderhan
Wenn man so eine Rezension liest, verstummt alles Bemühen, eine weitere zu schreiben.



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