Franz Schubert

Klaviersonaten D-Dur D 850, c-Moll D 958

Swjatoslaw Richter


Music & Arts/Musikwelt CD-957
(59 Min., 1956, 1958) 1 CD, mono, Konzertmitschnitte aus Prag und Budapest

Dass Swjatoslaw Richter zu den größten Schubert- Interpreten in diesem Jahrhundert zählt, wird niemand ernsthaft bezweifeln wollen. Aber was dieser radikale Wahrheitssucher aus Schuberts Sonaten bereits in den fünfziger Jahren "herauszuholen" verstand, als er, von aller "westlichen" Schubert-Tradition abgeschnitten, noch hinter dem eisernen Vorhang seinen eigenen Weg zu Schubert finden musste, das klingt heute noch so unerbittlich geradlinig, tiefgründig und schmerzlich-bitter, dass da selbst die neueren intellektuellen Ansätze eines Pollini oder Brendel verblassen und wie brave Biedermeierei erscheinen.
Das amerikanische Sammler-Label Music & Arts hat zwei "frühe" Konzertauftritte Richters in Prag (1956) und Budapest (1958) mit der späten c-Moll-Sonate und der D-Dur-Sonate D 850 ausfindig gemacht und zum erstenmal außerhalb Russlands publiziert: Es sind die brisantesten Schubert-Dokumente seit langem!
Vor vierzig Jahren hat Richter als erster die ungeheueren Sprengkräfte und das Verzweiflungspotential des "späten" Schubert erkannt und derart drastisch und vehement in knochentrockene Schwarzweiß-Strukturen verwandelt, dass Schubert hier streckenweise noch radikaler und innovativer erscheint als der späte Beethoven. Der Kopfsatz der D-Dur-Sonate ist ein Ausbund an aggressiver Ausweglosigkeit und im Schlusssatz der c-Moll-Sonate erleben wir eine atemlose, nächtliche wilde Jagd, die die ganze Seelenqual des dunklen Jahrhunderts vorab spüren lässt: Schumann, Liszt und noch weiter voraus bis zu Schostakowitsch.
Swjatoslaw Richter wusste schon vor vierzig Jahren, dass Schubert auch ohne den spezifisch Wiener Tonfall, ohne das übliche Lokalkolorit, das viele für unverzichtbar halten, bestehen, ja erschüttern kann.

Attila Csampai, 01.04.1997


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