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Gustav Mahler

The Mahler Broadcasts 1948-1982 - Sinfonien Nr. 1 - 10, Lied von der Erde, Lieder eines fahrenden Gesellen

John Barbirolli, Zubin Mehta, Pierre Boulez, Georg Solti, Klaus Tennstedt, Dimitri Mitropoulos, Rafael Kubelik, Bruno Walter, Leopold Stokowski, William Steinberg u.a., New York Philharmonic

Special Editions NYP 9801-9812
(1948 - 1982) 12 CDs, ADD

Mahler und kein Ende: Mehr als tausenddreihundert Aufnahmen verzeichnet seine Diskografie mittlerweile, und noch immer türmt sich der Mahler-Berg weiter auf. Jetzt haben die Archivare der New Yorker Philharmoniker eine außergewöhnliche Kollektion aller Sinfonien Mahlers (plus des “Lieds von der Erde” und den “Liedern eines fahrenden Gesellen”) aus dem umfangreichen Bestand von Rundfunkübertragungen des Orchesters aus den Jahren 1948 bis 1982 zusammengestellt und dabei alle wichtigen Mahler-Förderer der zweiten Jahrhunderthälfte berücksichtigt: Die Mahler-Fanatiker Barbirolli und Mitropoulos sind mit je zwei Sinfonien, Boulez, Kubelik, Mehta, Solti, Stokowski, Tennstedt und Walter je einmal vertreten. Nur Bernstein, der größte Mahler-Propagandist der zweiten Generation, fehlt, da seine Rundfunkmitschnitte nicht freigegeben wurden.
Dies ist zwar ein Wermutstropfen, wenn man bedenkt, was Bernstein in New York für Mahler geleistet hat, aber trübt den Gesamteindruck des aufwendig ausgestatteten Unternehmens nur wenig: Auf zwölf CDs erhält der Käufer nicht nur eine eindrucksvolle klingende Dokumentation der großen Mahler-Tradition dieses für die Mahler-Blüte wichtigsten amerikanischen Orchesters, sondern in zwei zweihundertfünfzigseitigen Begleitbüchlein auch die lückenlose Information über alle Aspekte dieser ungewöhnlichen Mahler-Verbundenheit, bis hin zur Auflistung aller Mahler-Programme der New Yorker von 1908 bis 1998.
Ein solcher editorischer Aufwand rechtfertigt den hohen Preis von 400 Mark. Er erscheint auch keineswegs zu hoch, wenn man bedenkt, dass es sich ausnahmslos um bislang unveröffentlichtes Material handelt, das es nur zum geringeren Teil in schlechten Piratenpressungen gab. Für jeden anspruchsvollen Klassik-Sammler ist die Box ohnehin ein Muss, aber auch der weniger bewanderte Mahler-Interessent wird sich der elektrisierenden Aura dieser zwölf unterschiedlichen, aber gleichermaßen flammenden Plädoyers vor staunendem Publikum nicht lange entziehen können. Ein solches Konzept wechselnder Dirigenten beim gleichen Orchester garantiert mehr Abwechslung, mehr Farbe, mehr Spannung und einen größeren musikalischen Reichtum als die übliche Einpersonendramaturgie.
Das interpretatorische Niveau ist hoch, größtenteils phänomenal. Nur in drei Fällen, bei Boulez allzu sachlich-distanzierter Dritter (von 1976), bei Soltis klassizistisch-braver Vierter (1961) und Kubeliks pedantisch-übermotivierter Siebenter (1981) könnte man Einwände äußern, alle anderen Aufnahmen sind der Kategorie “Sternstunden” zuzuordnen:
Unter den älteren Mono-Aufnahmen kann Stokowskis unpathetisch-gebündeltes, akustisch exzellentes New Yorker Erst-Dirigat der Achten aus dem Jahr 1950 ebenso Referenz-Status beanspruchen wie etwa Bruno Walters erste amerikanische Version des “Lieds von der Erde” im Jahr 1948 (mit Kathleen Ferrier), und auch John Barbirollis emotional glühende Versionen der Ersten (von 1959) und der Neunten (1962) zählen zu den Meilensteinen der gesamten Mahler-Diskografie.
Die Stereo-Ära wartet mit zwei bedeutsamen Raritäten auf: Im Juni 1980 gastierte Klaus Tennstedt in New York zum erstenmal mit Mahler und dirigierte eine architektonisch gemeißelt-strenge, dabei dramatisch-wuchtige und fantastisch transparente Fünfte, zwei Jahre später entschied sich der frischgebackene Chef der New Yorker, Zubin Mehta, im zehntausendsten (!) öffentlichen Konzert der New Yorker, für Mahlers “Auferstehungssinfonie” und trieb das hochmotivierte Orchester zu einer an Dramatik und Stringenz unvergleichlichen Höchstleistung.
Den stärksten Eindruck dieser Kollektion hinterläßt Dimitri Mitropoulos' an Leidenschaft, Seelenglut, Gestaltungswillen und Dämonie unübertroffene Deutung der Sechsten Sinfonie, die er praktisch im Alleingang in Amerika und später auch in Europa durchsetzte. Die Sechste wurde lange selbst von den engsten Weggefährten Mahlers wie Walter oder Klemperer verschmäht, galt als “zu negativ”. Mitropoulos leitete 1947 die späte amerikanische Erstaufführung der Sinfonie, und wiederholte seinen glühenden Appell für dieses Schlüsselwerk 1955 erstmals im New Yorker Rundfunk.
Nach diesem apokalyptischen Höllentrip wird einem klar, woher Bernstein und Solti, die nachfolgenden Befürworter der Sechsten, ihre Inspiration nahmen. Und genau dieses “emphatische Prinzip”, diese enormen emotionalen Mobilisierungskräfte, die den Leitgedanken bildeten bei dieser wundervollen Auswahl, verleihen diesen Menschheitsappellen ihre unzerstörbare, tief beseelte Aura. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Ausdünnung, Entpsychologisierung und audiophilen Verflachung der Mahlerschen Botschaften werden hier die ursprünglichen Seelendimensionen seiner Musik wieder spürbar.

Attila Csampai, 01.01.1999



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