Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 5 und Nr. 7

Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner


RCA/BMG 09026 68442 2
(79 Min., 1955, 1959) 1 CD, ADD

Ein Jahr, nachdem er zum Musikdirektor des Chikagoer Sinfonieorchesters berufen wurde, also 1954, produzierte Fritz Reiner, der unerbittlichste Orchestererzieher unter den in die USA emigrierten Dirigenten, seine ersten Einspielungen für die “Living-Stereo”-Reihe der RCA. Mit seinem Beethoven-Zyklus - dem ersten in Stereo - überwand Reiner Toscaninis jahrzehntelange Vorherrschaft in Sachen Beethoven. Neben den unbestreitbaren Vorzügen des räumlichen Klang-Erlebnisses zeichnete sich Reiners Beethoven-Stil durch eine Kombination aus Sinnlichkeit, emotionaler Glut und höchster Spielpräzision aus, gegen den Toscaninis nur wenige Jahre älterer Zyklus fast spröde und eben nur dramatisch zugespitzt wirkte. Damit hatte Reiner, noch Jahre vor Karajan, den modernen, auf Präzision, Volumen und Glanz ausgerichteten Beethoven-Stil der zweiten Jahrhunderthälfte geschaffen.
Nun gibt es in der wiederaufgelegten CD-Edition des alten “Living-Stereo”-Katalogs auch die damals als Sensation gefeierten Einspielungen der populären Sinfonien Nr. 5 und Nr. 7 aus den Jahren 1959 und 1955 und dazu die ähnlich aggressiv gespielten Ouvertüren zu “Coriolan” und “Fidelio”.
Dabei verblüffen vor allem die 1959 mit drei Mikrofonen (auf drei Spuren) aufgezeichneten Interpretationen der Fünften und der “Coriolan”-Ouvertüre durch ihre fantastisch transparente und doch wuchtig-kompakte Klanggestalt. Musikalisch können es die Aufnahmen ohnehin mit jeder späteren Konkurrenz aufnehmen: ungebrochen ihre impulsive Kraft, ihre eruptive Sinnlichkeit, unvergleichlich ihr kompromissloser Präzisions-Standard. Selbst bei der deutlich “historischer” klingenden, nur mit zwei Mikrofonen und zwei synchronisierten Mono-Tonbandgeräten produzierten frühen Stereo-Aufnahmen der Siebten Sinfonie haben die Restauratoren erstaunliche Präsenz und Klangfülle zutage gefördert.
Im fröhlich polternden Schlusssatz der Siebten verwendet Beethoven Elemente aus der in Wien damals in Mode gekommenen ungarischen Werbungsmusik, dem verbunkos, und natürlich beherrschte der gebürtige Budapester Reiner den naturwüchsig-wilden, temperamentvoll-stolzen Gestus dieser Musik in einer fast selbstverständlichen Weise. Das waren die Quellen, aus denen der unerbittliche, bei den Musikern stets gefürchtete Perfektionist seine Energie und seine unstillbare Lust am Musizieren schöpfte. Auf meine Frage, wer denn der beste Dirigent gewesen sei, unter den zahllosen Pultgrößen, die er in seiner langen Laufbahn betreut hat, antwortete der RCA-Produzent Jack Pfeiffer: “Der Reiner Fritz aus Budapest”.

Attila Csampai, 01.03.1999


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Wirklich nur "Melancholie des Unvermögens"? Dem giftgezähnten Kanzelspruch Friedrich Nietzsches über Johannes Brahms mag man sich nicht mehr anschließen, wenn man von der vollmundigen Reife seines Chorwerks auch nur gekostet hat. Unvermögen nein, Melancholie: aber ja! Sein Schaffen im letzten Lebensdrittel ist bei Rücknahme der technischen Mittel zugleich von bittersüßer Wehmut und teilweise auch recht herben Tönen des Verzichts getragen. Diese Klangfarben machen auch die Auswahl an späten Chorwerken, die die Capella Amsterdam unter Daniel Reuss nun aufgenommen haben - blitzblank intoniert, warm im Klang und im Verhältnis der Stimmlagen hervorragend abgeschmeckt - zu einer schönen CD-Empfehlung zum Totensonntag. Der geistliche […] mehr »