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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 3

Kerstin Meyer, Hallé Orchestra, Damen des Hallé Choir, Knaben der Manchester Grammar School, John Barbirolli

BBC Legends/Musikwelt BBCL 4004-7
(94 Min., 5/1969) 2 CDs, aufgenommen in Manchester

Obwohl John Barbirolli die Musik Gustav Mahlers schon in den dreißiger Jahren durch das Engagement der Mahler-Enthusiasten Bruno Walter und Dmitri Mitropoulos „authentisch“ erfahren hatte, als er sechs Jahre lang die New Yorker Philharmoniker leitete, begann er erst Jahre später, nachdem er nach England zurückgekehrt war und das traditionsreiche Hallé-Orchester übernommen hatte, sich ernsthaft für die Musik des österreichischen Spätromantikers zu interessieren. Aus dieser späten Entdeckung entwickelte sich eine der glühendsten und tief schürfendsten Herzensbeziehungen, die Mahlers Sinfonik noch vor der großen Mahler-Renaissance zuteil wurde.
Zwischen 1954 und 1970 dirigierte Barbirolli außer der Achten alle Sinfonien Mahlers in Konzerten, für die Schallplatte produzierte er nur die Sinfonien 1, 5, 6 und 9. Konzert-Mitschnitte gibt es von der 2., 4. und 7. Sinfonie. Auch die Dritte ist in einem späten Mitschnitt mit den Berliner Philharmonikern (vom März 1969) dokumentiert, bis heute aber nicht offiziell freigegeben worden. Insofern kommt der jetzt wieder aufgetauchten BBC-Produktion der Dritten mit dem Hallé-Orchester, die Barbirolli zwei Monate nach seinem Berliner Konzert in Manchester aufnahm, der Rang eines Unikats und einer diskografischen Premiere zu.
Es zeigt den damals neunundsechzigjährigen Barbirolli auf dem Höhepunkt seines gleichermaßen reflektierten wie ausdrucksstarken Mahler-Stils. In keiner anderen Sinfonie wird Mahlers kosmologische und teleologische Ausrichtung deutlicher als in der Dritten: Dies betrifft nicht nur die idiomatische Vielfalt der musikalischen Charaktere und Gesten, sondern auch die evolutionäre, vom Materiellen zum Immateriellen aufsteigende Stufenkonzeption des Werkes: Es beginnt mit einer dionysischen Naturschilderung und endet mit einem gen Himmel gerichteten Liebeshymnus. Und Barbirolli gelingt es, diesem sechsteiligen Schöpfungsmythos Mahlers durch großen Ernst, unbeirrbare Geradlinigkeit und Deutlichkeit eine würdevolle Strenge und zwingende Logik zu verleihen und uns so die Tiefendimensionen eines solchen Schöpfungsaktes gewahr werden zu lassen.
Der außergewöhnliche Rang dieses Mahler-Dokuments zeigt sich besonders eindringlich im wunderbaren, der „Liebe“ gewidmeten Schluss-Adagio der Sinfonie, in dem Mahler, in schönsten, lichtesten D-Dur-Klängen seine Vision der durch die Liebe zum inneren Frieden gekommenen Seele beschreibt: Während die meisten anderen Dirigenten diesen Liebeshymnus als naiv-sentimentale Beschwörung eines besseren Jenseits missverstehen und ihr Heil in Klangexzessen suchen, spürt man in Barbirollis herber, luftdurchlässiger, seltsam strenger Deutung auch etwas von der tiefen Ungewissheit, die Mahler gegenüber den großen anstehenden Veränderungen seiner Zeit empfand. Es ist wie ein großes Schiff, das auf ruhiger See fest und unaufhaltsam und nicht ohne Hoffnung neuen Ufern entgegensegelt, sie aber am Horizont noch nicht erkennen kann.

Attila Csampai, 01.04.1999



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