In den späteren Jahren seiner musikalischen Weltherrschaft galt Herbert von Karajan als glühender Anhänger der modernen Studiotechnik und er trachtete ja ernsthaft danach, die perfekte, endgültige, Interpretation zu erschaffen. Das gab den meisten seiner Studioproduktionen jene Aura von Sterilität, Oberflächenglanz und zeremonialer Pracht. Doch immer wenn dieser Alleinherrscher im Orchester-graben stand und, aus dem Augenblick heraus, den lebendigen Geist des musikalischen Theaters und konkret spielender und singender Menschen beschwor, spürte man etwas von dem dramatischen Feuer, dem Vorwärtsdrang, dem Theaterinstinkt des jungen Karajan.
Vor fast einem halben Jahrhundert begann er in Wien unter Aufsicht seines "Entdeckers", des EMI-Produzenten Walter Legge, mit einer Serie von Opernaufnahmen, die das neue Medium der Langspielplatte endlich auch für die akustische Dokumentation von ganzen Opern nutzten. Als erstes dirigierte Karajan im Juni 1950 Mozarts "Hochzeit des Figaro" und legte damit den Grundstein zu seiner Karriere als produktivster und einflussreichster Schallplatten-Dirigent der zweiten Jahrhunderthälfte.
Zu Karajans zehntem Todestag hat die EMI jetzt acht seiner frühen Opernproduktionen wieder aus dem Archiv geholt und sie im besten 20-Bit-Remastering auf CD überspielt, darunter auch seine drei exemplarischen Mozart-Produktionen ("Figaro", "Zauberflöte" und "Così fan tutte") aus den Jahren 1950 bis 1954. In allen drei Opern fehlen die umfangreichen Secco-Rezitative bzw. Dialogstellen, was im Fall des "Figaro" die Gesamtspielzeit auf unter zwei Stunden schrumpfen lässt. Heute wären solche Verstümmelungen der Partitur undenkbar.
Musikalisch besticht der Wiener "Figaro" vor allem durch Karajans fulminanten Dirigierstil, der in diesen ersten Jahren seiner Karriere geprägt war durch einen geradezu aggressiven, am Vorbild Toscaninis orientierten Gestaltungswillen. Im Vergleich zu Erich Kleibers "Figaro"-Produktion von 1955, die jetzt bei Decca-"Legends" wiederaufgelegt worden ist und durch ihre Klassizität, ihre prächtigen, bedächtig ausformulierten Architekturen glänzt, wirkt Karajans Version nerviger, gespannter, vom atemlosen Puls eines "Tollen Tages" vorangetrieben. Und schon die Ouvertüre lässt die Anarchie des erotischen Prinzips unüberhörbar hervortreten.
Dazu kommt, dass Karajan damals wirkliche Sänger-Darsteller zur Verfügung hatte, die bereit waren, alles zu geben, die sich in einer Weise emotional verausgabten, dass man fast vergaß, dass sie sangen. Sie alle hatten Charakter, Persönlichkeit: Ob die jovial-schwarze, grandiose Bassstimme von George London (als Almaviva) oder die unbeugsam-resolute, artifiziell ausgefeilte Gräfin Elisabeth Schwarzkopfs, ob der kernig selbstbewusste, sehr wienerisch klingende Figaro von Erich Kunz oder die bezaubernde, Sanftmut mit Überlegenheit kombinierende Susanna Irmgard Seefrieds. Sie alle produzierten nicht nur schöne Töne, sondern verstanden es, die psychologischen Profile ihrer Partien so lebendig und suggestiv herauszumodellieren, dass man auf Anhieb dem Zauber ihrer Kunst erliegt.
Akustisch kann Karajans Mono-Aufnahme ihr Alter von fast fünfzig Jahren trotz digitaler Kosmetik nicht verleugnen, aber musikalisch-dramatisch hat sich sein wilder Ritt durch Mozarts Partitur bis heute erstaunlich frisch und lebendig und jung gehalten: An Temporasanz und kontrapunktischer Transparenz kann es der zweiundvierzigjährige Feuerkopf von 1950 mit jedem Originalklang-Rebellen von heute aufnehmen.

Attila Csampai, 01.05.1999


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Zu den zahlreichen Widersprüchen im Leben von Richard Strauss gehört auch, dass er zwar ein gutbürgerliches Dasein mit Plüschsofa und Sonntagsbraten zu schätzen wusste, aus seiner Abneigung des Bürgertums und der Religion - zumindest im Konzertsaal - keinen Hehl machte. Ein Jahr, nachdem er den Philistern mit seinem Satyrspiel vom "Till Eulenspiegel" eine lange Nase gedreht hatte, ließ der 32jährige sein Opus 30 "Also sprach Zarathustra" in Frankfurt uraufführen. Der berühmteste Sonnenaufgang der (Film-)Musikgeschichte ist schließlich nur der Vorhang zur aufwändig und kulinarisch instrumentierten Tondichtung über Fall und Aufstieg des Philosophen (in dem sich dessen Autor Friedrich Nietzsche zu einem guten Teil selbst porträtierte). Der eingängige Dreiklang des Beginns durchzieht als Tonchiffre der Natur das ganze Werk wie eine Mahnung, an der sich der Erleuchtete abzuarbeiten hat. Den trieb die Sehnsucht unter die stumpfe Herde seiner Mitmenschen, die - mit Straussschem Tonwitz persifliert - völlig der Religion und der trockenen Wissenschaft hörig sind. Genesung bringt dem Enttäuschten das göttliche Vergnügen des Tanzes (bei Strauss ein schwungvoller Walzer), bevor zum guten Schluss der menschliche Geist Zarathustras in überirdisch leuchtendem H-Dur-Akkord seinen Frieden findet. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg kombiniert unter seinem Chef François-Xavier Roth in der neusten Folge aller Strauss'schen Tondichtungen nun den "Zarathustra" mit dem Poem "Aus Italien" und besticht durch straffe Tempi und einen warmen, seidigen Orchesterklang, der - von der Tontechnik tiefenscharf eingefangen - die unzähligen Klangvaleurs Straussscher Instrumentation zum Leuchten bringt.