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Edward Elgar

Cello Concerto u.a.

Jacqueline du Pré, Janet Baker, London Symphony Orchestra, John Barbirolli

EMI 556 219-2
(54 Min., 8/1965) 1 CD

Zwei englische Künstlerinnen auf der vollen Höhe ihres Könnens widmen sich der Musik von Edward Elgar (1857-1934), der als Neubegründer eines eigenständigen englischen Musikschöpfertums gilt. Begleitet werden die beiden von einem hervorragenden englischen Orchester unter Leitung eines der Abstammung nach zwar italienischen, aber für das englische Musikleben außerordentlich bedeutsamen Dirigenten: Bessere Zutaten für eine rundum gelungene Schallplatte könnte es kaum geben, und der nachhaltige Erfolg dieser Produktion aus dem Jahre 1965 bestätigt die Richtigkeit des Konzepts. Die Mezzosopranistin Janet Baker und die Ende der 60er Jahre an Multipler Sklerose erkrankte Cellistin Jacqueline du Pré haben eine prägnante, unmittelbar ansprechende Fähigkeit gemein: Sie können melodische Verläufe durch glutvolle Intensität der Tonbildung und aussagekräftige Gestaltung der Bögen in einzigartiger Weise zum Erlebnis machen. Schon die ersten solistischen Phrasen in Elgars Cellokonzert e-moll op. 85 ergreifen und bewegen den Hörer dieser Aufnahme unweigerlich, und im ersten Lied der Sea Pictures op. 37 geht es ihm nicht anders: Mit atemberaubender Zartheit beginnt das Schlaflied, das die See der sie umgebenden Natur singt.
Ein Tonträger wie der vorliegende vermag und vermochte sicher mehr für die Anerkennung des bis heute nicht voll gewürdigten Edward Elgar tun als manche musikwissenschaftliche Abhandlung. Elgar, der einer musikalischen Familie entstammte, aber in seiner Jugend nicht die nötigen finanziellen Mittel für eine fundierte Ausbildung zur Verfügung hatte (das beabsichtigte Studium in Leipzig scheiterte daran), war zwangsläufig Autodidakt; so wie keine bedeutenden Lehrer seine Biografie zieren, brachte er selbst keine Schüler hervor, unterrichtete auch kaum. Dennoch war dieser zeit seines Lebens unter Selbstzweifeln leidende Solitär Hoffnungsträger einer Nation, die seit Purcell - bzw. zumindest seit dem partiell als Engländer vereinnahmten Händel - keine nennenswerten Komponisten vorzuweisen hatte. Die 1899 entstandenen Sea Pictures dokumentieren Elgars Talent auf souveräner und voll entwickelter Höhe, allerdings in einer Gattung, die nicht gerade im Zentrum seines Schaffens stand: Janet Baker widmete sich den fünf Orchesterliedern nach eigener Auskunft damals nicht ohne Zögern, vor allem wegen der teils mittelmäßigen Lyrik; das Ergebnis jedoch, das auch sie selbst vollkommen überzeugte, spricht für sich: John Barbirolli erwies sich als profunder und einfühlsamer Elgar-Kenner, der dessen Partituren optimal umzusetzen verstand.
Das 1919 fertig gestellte Cellokonzert entstammt einer äußerst depressiven Zeit, die durch den Ersten Weltkrieg mit seinen von Elgar persönlich sehr stark empfundenen katastrophalen Folgen für das kulturelle Leben überschattet war. Entsprechend melancholisch und sehnsüchtig-rückwärtsgewandt ist der Duktus dieser spätromantischen Musik, mit der Elgar seinen Werkkatalog schon beinahe abschloss: Der Tod seiner Frau im Jahre 1920 führte zum Versiegen seiner schöpferischen Kraft; erst gegen Ende seine Lebens, zu spät schon für einen neuen Anlauf, konnte er wieder etwas zu Papier bringen.

Michael Wersin, 01.02.2003



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