Johann Sebastian Bach

Goldberg-Variationen

Glenn Gould


Sony 52594
(39 Min., 1955) 1 CD, mono

In der Geschichte der Schallplatte steht einsam die Debüt-Einspielung des dreiundzwanzigjährigen Kanadiers Glenn Gould: Bachs "Goldberg-Variationen" von 1955, eine Legende unorthodoxen Klavierspiels, aber auch ein Tusch zum Auftakt einer an elektroakustischer Klangvermittlung orientierten Karriere. Zwar hat Gould bis 1964 auch Konzerte gegeben, diese aber immer mehr hassen gelernt; in einem Brief stellt er die Frage, ob "wirklich die in die sechste Reihe gequetschten Huster, Flüsterer und Klatscher (den Verlauf einer Interpretation) mitbestimmen sollten", wie’s Kollegen ihm vorhielten.
Gould setzte vielmehr auf das Studio, baute sich Anfang der Siebziger ein eigenes und sprach zu seiner Fan-Gemeinde nur noch über Film, Funk, Fernsehen und eben Platte - ein Medien-Philosoph, der "die Möglichkeit, eine Interpretation noch nachträglich zu beeinflussen" über das rote Ahornblatt lobte. Gould war ein nüchternes Genie und zugleich exzentrischer Autist, wie geschaffen für das Medium, das selbst den Rausch, den Wahn, die Orgie in Kurven zu bannen weiß, reproduzierbar macht, heute gar in Ziffern speichert.
Das Herz dieser Verbindung von Emotion (Musik) und Technik (Elektroakustik) schlug bezeichnenderweise für den Kontrapunkt, also zuerst einmal für Johann Sebastian Bach. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass Gould für sein Debüt dieses Werk wählte, das in der Barockzeit auch schon "mediale" Funktion hatte: Der Graf von Keyserling soll es bei Bach bestellt haben für seinen Hofcembalisten Goldberg, damit dieser ihn, den Schlaflosen, doch in Schlaf lullen könne.
Der Reigen von dreißig Variationen ist grausam schwer, Gould wollte also gleich ganz oben anfangen. Ironie des Schicksals muss man es wohl nennen, dass er 1981 noch einmal "Goldberg" einspielt - und dass diese Platte seine letzte bleibt, weil ein knappes Jahr später zwei Schlaganfälle seinem Leben ein Ende setzen. Bachs Variationen wie zwei Buchstützen um eine Pianistenkarriere: Auch das frappiert.
Worin nun unterscheiden sich die beiden Einspielungen? Das Debüt ist kecker, draufgängerischer, geradezu ungeduldig und übermütig - Variation 14 hat tatsächlich was von einer "explodierenden Nähmaschine", wie ein Kritiker schrieb. Aber schon die nächste "Veränderung" ist so klar und tief wie ein See im Gebirge, und die Nr. 25 reinste Poesie. Schon Goulds Debüt offeriert uns, wie nonkonformistisch auch immer, die Essenz von Bachs Klangsprache - strenges Konstrukt, aufgeladen mit Emotion. Goulds Methode, den Konzertflügel zu einer Art "besserem", weil klangfarblich variableren Cembalo zu machen, durchdringt die Strukturen ebenso gut wie die Affekte. Nie ist das einfach kühl und seelenlos, wie’s andere nach ihm exerzierten - eben die echten "Nähmaschinen". Nein, bei aller Gewagtheit, aller Forschheit bleibt diese Darstellung doch im tiefsten Sinne menschlich. Und die letzte Einspielung, die von 1981, wird zur vielleicht gereifteren, doch nicht unbedingt profunderen Variation auf das Debüt.

Thomas Rübenacker, 01.02.2001


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