Johannes Brahms

Vier ernste Gesänge

Hans Hotter, Gerald Moore


EMI 7 63198 2
(69 Min., 1952) 1 CD, mono – enthält weitere Brahms-Lieder sowie die Bach-Kantate „Ich habe genug“

Johannes Brahms schien geahnt zu haben, dass er – anders als Schubert oder Mozart – viel Zeit haben würde. Vierundsechzig Jahre Leben wurden ihm beschert; von Hast oder Eile in seinem Werk keine Spur. Dennoch hat er mehrere Abschiedsgesänge komponiert, die letzten waren die „Vier ernsten Gesänge“ op. 121. Sie entstanden – mit Ausnahme des vierten – im Sommer 1896 in Wien. Brahms konnte sie seinen Freunden nicht ohne Tränen vorsingen. Sie waren womöglich für die über alles geliebte Clara Schumann bestimmt, die im Mai 1896 verstorben war – und wohl auch ihm selbst. Nicht einmal ein Jahr später war auch Brahms tot.
„Nur noch eins“, hatte er im Juli 1896 an Marie Schumann geschrieben, jener Tochter Claras, die er einst als kleines Mädchen unterrichtet hatte. „Wenn Ihnen nächstens ein Heft ‚ernsthafte Gesänge‘ zukommt, so missverstehen Sie die Sendung nicht. Ich schrieb sie in der ersten Maiwoche, ähnliche Werke beschäftigen mich oft, schlimmere Nachrichten von Ihrer Mutter meinte ich nicht erwarten zu müssen – aber tief innen im Menschen spricht und treibt oft etwas, uns fast unbewusst und das mag wohl bisweilen als Gedicht oder Musik ertönen.“ Und er warnte sie davor, die Gesänge „durchzuspielen“, weil die Worte „Ihnen jetzt zu ergreifend wären“.
Die Texte stammen überwiegend aus dem Alten Testament, es sind düstere Betrachtungen des Predigers Salomo und aus dem Buch Jesus Sirach. Sie sprechen von dem Menschen, dem Unrecht widerfährt und dem es „ergehet wie dem Vieh“; sie klagen schmerzerfüllt an: „O Tod, o Tod, wie bitter bist du“; sie spenden aber auch Trost: „O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen, der da schwach und alt ist“ und vermitteln Zuversicht: „Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.“
Es mag wohl klangtechnisch bessere Produktionen als diese geben, in der Darstellung aber ist diese Mono-Aufnahme mit Hans Hotter und Gerald Moore aus dem Jahre 1952 bis heute nicht übertroffen. Sie dokumentiert die Glanzzeit zweier überragender Künstler.
Der Münchner Bariton Hans Hotter war damals Anfang vierzig, hatte bereits als Wotan und in anderen Wagner-Partien geglänzt und stand vor einer großen internationalen Karriere. Der zehn Jahre ältere englische Pianist Gerald Moore (1899–1987) galt dazumal bereits als der beste Lied-Begleiter seiner Zeit.
Ohne waberndes Pathos oder dynamische Überladung gehen sie Brahms’ Abschiedsgesang an, ganz im Bewusstsein des beklemmend resignativen Tonfalls dieser Lieder und ihrer feierlichen Strenge. Das verlangt ungemein viel Selbstdisziplin und vor allen Dingen Demut. Überwältigend, wie Hotter seine voluminöse und monumentale Stimme zu eindringlichem Ausdruck bewegt, wie er ganz leise und ergeben in hohen Stimmlagen auftritt – fern jeglicher Selbstherrlichkeit –, wie er die harten bitteren Verse bedeutungsvoll und bildhaft formuliert.
Manche mögen sich an seiner weichen Konsonantenbehandlung stören, die manche deklamatorische Undeutlichkeit zeitigt. Die meisten aber werden ergriffen sein von der Würde, dem Geschmack, der Hingabe und der vollkommenen Selbstvergessenheit dieser beiden Künstler. Man meint, mehr mit der Seele als mit dem Ohr zu hören.

Teresa Pieschacón Raphael, 01.03.2001


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