Franz Schubert

Die schöne Müllerin

Dietrich Fischer-Dieskau, Gerald Moore


EMI 5 66907 2
(12/1961)

Nicht nur künstlerische Einzelleistungen, sondern auch Partnerschaften gehen bisweilen in die Geschichte ein; man denke nur an Clara Haskil und Arthur Grumiaux, Fritz Wunderlich und Hermann Prey – oder Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore, die zweifellos mit einer gemeinsamen Aufnahme in den Olymp aufgenommen zu werden verdienen.
Der 1899 geborene Gerald Moore brachte die künstlerische Erfahrung von drei Jahrzehnten mit, als er Anfang der fünfziger Jahre auf den jungen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau traf. Moore hatte sich zu einer Zeit für ein Leben ("Karriere" wäre aus der damaligen Sicht ein Euphemismus) als Klavierbegleiter entschieden, als dieser in punkto Ansehen noch deutlich näher beim Kartenabreißer angesiedelt war als bei dem Sänger, dem er zu assistieren hatte. Durch Beharrlichkeit, interpretatorische Qualität und das richtige Maß an Selbstbewusstsein gelang es ihm, dem Begleiter und auch dem Klavierpart überhaupt zu gleichberechtigter Bedeutung zu verhelfen. Moore wirkte bei unendlich vielen Einzelaufnahmen mit; er begleitete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahezu alles, was Rang und Namen hatte. Man könnte glauben, er habe zeitweise in den Londoner HMV-Studios gewohnt.
Trotz seines an Höhepunkten reichen musikalischen Lebens beschreibt Moore seine Begegnung mit Fischer-Dieskau als künstlerische Erfüllung. Fischer-Dieskau eröffnete ihm die Welt des Liedes in vorher ungekannter Weise, und gemeinsam arbeiteten sich die beiden durch einen großen Teil des für Bariton erreichbaren Liedrepertoires. Nach Moores Bühnenabschied im Jahre 1967 verstärkten sie ihre Aufnahmetätigkeit und bescherten der Nachwelt u.a. Gesamteinspielungen der Lieder von Schubert und Strauss.
Diese Aufnahme von Franz Schuberts "Schöner Müllerin", entstanden im Jahre 1961, ist bereits die zweite Einspielung der beiden Künstler von diesem Zyklus. Fischer-Dieskau führte seine Stimme zu dieser Zeit deutlich heller als am Anfang seiner Karriere. Das perfekte Funktionieren seines berühmten "Mischklangs" mit hohem Anteil an betörend weicher Kopfstimme ermöglichte ihm die zauberhaftesten Schattierungen und Effekte in der oberen Lage, wodurch u. a. die oft als "Durchhänger" empfundenen Strophenlieder in der Mitte des Zyklus zum Erlebnis werden. Gleichzeitig geht auch in Liedern wie "Der Jäger" oder "Die böse Farbe" niemals die Wärme des Timbres verloren, denn zu jener Zeit vermochte der Bariton noch weitgehend ohne Forcieren fester zuzugreifen. Kurzum: Wir erleben Fischer-Dieskau hier in einem Stadium, wo stimmliche Frische und Ausdruckswillen sich vollkommen die Waage hielten. Überzeugend gelingt ihm das Porträt eines jungen, lebensfrohen Müllerburschen, den die Liebe zur Tochter seines Meisters zunächst zarte Hoffnung, dann überschwängliche Freude, nagenden Zweifel, bittere Enttäuschung und schließlich unwiderstehliche Todessehnsucht empfinden lässt.
Allerdings schlägt die Bitterkeit des traurigen Endes beim Interpreten nicht bis auf den Boden des Existenziellen durch, sondern bewegt sich innerhalb der Grenzen des ästhetisch Schönen. Erst später, nach dem Tod seiner ersten Frau, fand Fischer-Dieskau rauere, harschere Töne; hier hingegen spürt man das Lebensgefühl einer vielversprechenden, noch ungebrochenen künstlerischen und persönlichen Biografie.
Dazu passt, dass Fischer-Dieskau diese Version der "Müllerin" mit zwei der von Schubert nicht vertonten Gedichte, dem Prolog und dem Epilog, rezitierend umrahmt. Sie spiegeln, sicher nicht in Schuberts Sinn, die Genese der Gedichte Wilhelm Müllers als eine Art literarisches Gesellschaftsspiel wider und heben das Geschehen auf eine behaglich-wehmütige Ebene einer rührenden Erzählung am Kaminfeuer, die der Hörer zwar voll Anteilnahme miterlebt, aus der er aber auch am Ende wieder auftauchen kann, erfüllt und gestärkt von der Schönheit dessen, was künstlerische Schöpferkraft im menschlichen Dasein hervorbringen und bewirken kann.

Michael Wersin, 01.05.2001


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