Tristano

Lennie Tristano


Atlantic/Warner Jazz 7567-80804-2
(47 Min., 1955) 1 CD

Man könnte Lennie Tristano kurzerhand für einen unemotionalen Musiker halten - zumindest gemessen am Klaviereinsatz in "Line-Up", dem Eröffnungsstück des Albums: Martellato-Anschlag, streng lineares Non-Legato-Spiel ohne versöhnenden Pedalgebrauch. Kaum hat man sich an diesen unversöhnlichen Sound einigermaßen gewöhnt, wird mittendrin hart ausgeblendet. Zum Trost gibt es ein zweites, ähnlich angelegtes Triostück namens "East Thirty-Second", dessen Klavierpart auch erst nachträglich im Playback-Verfahren hinzukam.
Als Reflex auf den Tod Charlie Parkers komponierte Tristano ein "Requiem" für Soloklavier: Dem in frühromantischer Manier angelegten, von tiefer Trauer geprägten Vorspiel folgt ein getragener Blues mit bewusst einfachen Begleitakkorden der linken Hand, was zwar die enorme Dominanz der Rechten des Pianisten bestätigt, aber an der Einschätzung Tristanos als "kalt" ernste Zweifel aufkommen lässt – vor allem, weil sich die zunächst ausweglos erscheinende Stimmung des Stücks zunehmend in lebensbejahende Heiterkeit auflöst.
Der "Turkish Mambo", ein komplexes, zum Tanzen gänzlich ungeeignetes Gebilde, in dem sich sechs verschiedene Taktarten ablösen und überlagern, spielt sich zunächst beidhändig nur in der Bassregion des Klaviers ab - des einen Klaviers. Tatsächlich hat Tristano in seinem Heimstudio dieses Stück als Duett mit sich selber aufgenommen, bei dem er die Oberstimme später hinzufügte. Außerdem hat Tristano die Bandgeschwindigkeit manipuliert - nicht des Tempos, sondern der Klangfarbe wegen.
Diese vier wie vom Himmel gefallenen Titel erregten in der Jazzwelt einiges Aufsehen und wurden wegen ihrer neuen Ästhetik sofort als wegweisend erkannt. Doch sie repräsentieren nicht den ganzen Tristano, denn die folgenden fünf Interpretationen von Standards ließen einen scheinbar ganz anderen Musiker hören, und zwar in einem halbstündigen Querschnitt durch die fünf Sets eines Abends im New Yorker "Sing Song Room" des Jahres 1955.
Das Tristano-Quartett mit seinem überragenden Bläsersolisten, dem Tristano-Meisterschüler Lee Konitz, hält trotz seines coolen Habitus die Flamme des Bebop hoch. Die Evergreens strotzen in bester Bop-Manier nur so vor alterierten Akkorden, Konitz hat Parkers Lektionen längst nahtlos in seinen federleichten, von Lester Young hergeleiteten Sound integriert, und man kann verstehen, weswegen Tristano bei aller kristallinen Klarheit seiner Achtelnotenketten ausgerechnet Bud Powell zu seinem Lieblingspianisten erkor: dasselbe wie von Dämonen gehetzte, halsbrecherisch schnelle Single-Note-Spiel und dann wieder die beim mittleren Powell allgegenwärtigen Blockakkorde, mit denen Tristano nicht nur Konitz begleitet, sondern auch mal ganze Solochorusse bestreitet - stets eingehüllt in ein unerschütterlich und beseelt swingendes rhythmisches Gewand, hier gewoben von Gene Ramey (b) und Art Taylor (dr).
Diese starken Wurzeln im Modern Jazz kommen nicht von ungefähr: Der 1919 in Chikago blind geborene Tristano war 1946 nach New York übergesiedelt, wo er sich seine wichtigsten Sporen im Umfeld von Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Co. verdiente, wovon manch feurige Radioaufnahme zeugt.

Mátyás Kiss, 01.02.2001


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Ein Schuss setzt die Welt in Brand: Vor einhundert Jahren, am 28. Juli 1914, erklärte das Kaiserreich Österreich-Ungarn Serbien den Krieg - der Auftakt zur Mobilmachung in ganz Europa. Wie unwahrscheinlich ein Kriegsausbruch nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger eigentlich war, und wie viele persönliche Macht- und Fehlentscheidungen von höchster, aber auch ministerialer Ebene dazu nötig waren, hat gerade der Historiker Christopher Clark in seinem Buch neu aufgearbeitet. Von ganz anderer, nämlich musikalischer Seite nähert sich die Sopranistin Anna Prohaska dem Thema. Ihr neues Album reflektiert das Datum, das das "Jahrhundert der Kriege" einläutete, mit einem weit gesteckten Repertoire, das über Sarajevo und Verdun hinausweist. Von Soldatenliedern des Dreißigjährigen Krieges bis zu Propagandagesängen, vom "Trommellied" aus Beethovens "Egmont", über Schumanns "Grenadiere", bis hin zu Liedern von Liszt, Fauré, Mahler, Ives, Weil und Eisler reichen die Zeugnisse, die Prohaska an der Seite ihres Pianisten Eric Schneider dafür aufruft. Aus flackernder Begeisterung und auswegloser Verzweiflung entsteht hier das musikalische Porträt einer Ausnahmesituation - die bis heute alltäglich geblieben ist.