Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier

Glenn Gould

Teil 1: Sony SM2K 52 600; Teil 2: Sony SM2K 52 603
(1962, 1963, 1965) 2 CDs, ADD



Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier

Swjatoslaw Richter

RCA/BMG GD 60 949 QT
(1972, 1973) 4 CDs, ADD



Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier

András Schiff

Teil 1: Decca 414 388-2; Teil 2: 417 236-2
(1988) 2 CDs, DDD



Hans von Bülow prägte das sinnige Wort vom "Alten Testament der Klavierliteratur", das Bach mit seinem Zyklus von zweimal vierundzwanzig Präludien und Fugen geschaffen habe. Bach schrieb diese Werke in der ihm eigenen Bescheidenheit "zum Nutzen und Gebrauch der Lehr-begierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio [Studium] schon habil [geschickt] seyenden [zu] besonderem Zeitvertreib". Sein eigentliches Anliegen war experimenteller Art. Er wollte den neuen, erweiterten Tonraum und die vielfältigen Modulationsmöglichkeiten erkunden, die sich mit der 1691 erstmals theoretisch (von Andreas Werckmeister) dargelegten gleichschwebenden Temperatur ergeben hatten, also der mathematisch genauen Einteilung der Oktave in zwölf gleich große Halbtöne.
Sein "Objekt" war dabei die Fuge, diese ihm so vertraute musikalische Bewegungs- und Energieform par excellence, und das zu ihr hinführende Präludium. Und so entstand ein Kosmos an tonartlich differenzierten, kontrapunktisch vollendeten Werkpaaren mit neuartigen ästhetisch-poetischen Ausdrucksdifferenzierungen, der ebenso wie Beethovens 32 Sonaten - das "Neue Testament" - quasi zur Gesetzestafel aller nachfolgender Klavierkomponisten - und Pianistengenerationen wurde.
Glenn Gould nähert sich diesem Kosmos provokativ. Holpernd, mit eigenwilliger Phrasierung, geht er das erste, allbekannte C-Dur-Präludium an, das bekanntlich jedem angehenden Klaviertrakteur zugänglich ist und von Gounod so marienherzerweichend verarbeitet wurde. Fragezeichen hinterlässt auch sein b-Moll-Paar - dieses tiefsinnigste, ins Sakral-Mystische reichende Werk des ersten Teils. Gould zerlegt es in fragile Einzelmomente ohne jede melodische Bindung und nimmt dafür ein Drittel mehr Zeit in Anspruch als die Kollegen Richter und Schiff. So irritierend diese Exzentrik Goulds, so unwiderstehlich sind viele seiner perlenden, prickelnd klar servierten Presto-Räusche. Und wie Gould die Fugenthemen im dichtesten, virtuosesten Stimmengewirr herausmeißelt und ohne geringste Temposchwankungen präsentiert, das bleibt als Lehrbeispiel strukturellen Musizierens unnachahmlich.
Sehr viel persönlichere Noten verleiht Swjatoslaw Richter Bachs Zyklus (in einem aufnahmetechnisch leider mulmigen Gewand). Neben stupender Brillanz und für Richter ungewohnt raschen Tempi ist in etlichen Fugen eine meditative, geradezu entrückte Sicht zu bewundern. András Schiff schließlich hält zwischen Gould und Richter die Waage, verknüpft aufregend romantisierende Phrasierungskunst mit historistischer Detailgenauigkeit.

Christoph Braun




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