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Olivier Messiaen

La liturgie de cristal


Juxtapositions/Naxos 9DS44
(107 Min.)

"Alle Musik, die sich in Ehrerbietung dem Göttlichen, dem Heiligen, dem Unaussprechlichen nähert, ist religiöse Musik im vollen Wortsinne." Dies war das unerschütterliche Credo Olivier Messiaens. Doch wer selbst daran bis heute seine Zweifel hat, der ist zumindest von dem gebannt, was Messiaen aus seinem künstlerischen Leitspruch machte. Anstatt in seinen musikalischen Lobpreisungen in heiliger Andacht zu verharren, nutzte er kompositorisch alle konstruktiven Freiheiten, um seinem Überwältigtsein vor dem Geschaffenen Ausdruck zu verleihen. Mit etwa einem riesigen Farbtonprisma und einer in ihrer kaleidoskopartigen Vielfalt anspringenden Rhythmik. Oder der begeisterte Ornithologe verwandelte ganze Orchesterwerke, Klavierzyklen und schließlich die Oper "Saint François d’Assise" in Riesenvolieren – in denen solche bunt gefiederten Belcantosänger wie die Mönchsgrasmücke, der Weißachselnonnensteinschmätzer und die Sandlerche tirilierend herumsprangen und -flatterten. Im Laufe von 60 Jahren entstand so ein theologisch aufgeladener Klangkosmos, mit dem Messiaen bis zu seinem Tod 1992 nichts weniger versuchte als die Schöpfung Gottes zu offenbaren. Am 10. Dezember 2008 wäre Messiaen 100 Jahre alt geworden. Und bevor sich die Festtagsredner und Konzertdramaturgen sich überlegen, wie sie ihn am besten würdigen sollen, sei ihnen die informative DVD-Dokumentation "La Liturgie de Cristal" empfohlen.
Der französische Regisseur Olivier Mille hat dafür Filmmaterial aus den 1960er bis 1980er Jahren zusammentragen, in dem ausschließlich Messiaen die Hauptrolle spielt. Da ist Messiaen als auskunftsfreudiger Autobiograf genauso zu erleben wie als fordernder wie fördernder Pädagoge in seiner überfüllten Klasse am Pariser Konservatorium. Und selbstverständlich dürfen spektakuläre Landschaftsaufnahmen von den Canyons im amerikanischen Utah oder von französischen Wäldern nicht fehlen, wo Messiaen mit Bleistift und Notenpapier umherstreunt, um beispielsweise das "Krak Krak" der Wiesenralle zu notieren. Natur und Kunst – das war für ihn deckungsgleich, wie es die Quervergleiche zwischen den originalen Vogelstimmen und den von Pierre Boulez und Pierre-Laurent Aimard eingespielten Werkausschnitten unterstreichen. Als ehemaliger Schüler durfte Boulez außerdem nicht in den Bonustracks fehlen, in denen alte Weggefährte und nicht zuletzt Messiaens Frau Yvonne Loriod das sehenswerte Bild dieses (einnehmenden) Jahrhundertkomponisten abrunden.

Guido Fischer, 25.01.2008



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