Zwei niveauvolle Neueinspielungen von Georg Friedrich Händels überragend reifem Altersmeisterwerk "Solomon" beleben zur selben Zeit den Markt der historisch informierten Händeleinspielungen: Nicholas McGegans Livemitschnitt vom Mai 2007 aus der Dresdner Frauenkirche und die genau ein Jahr früher entstandene Studioproduktion des damaligen RIAS-Kammerchorleiters Daniel Reuss. Reuss, der ja bis dato nicht explizit als Händelspezialist hervorgetreten war, legt eine erstaunlich geschlossene, im Lyrischen wie im Dramatischen durchaus fesselnde Version vor; McGegan vermag Händels Notentext besonders im Blick auf dessen rhetorisch-musikalische Qualitäten vielfach noch expliziter und prägnanter umzusetzen als Reuss – dies gilt besonders für die Führung des Orchesters, teilweise aber auch für die diesbezügliche Inspiration der Gesangssolisten. Letztere allerdings können bei McGegan dennoch nicht durchweg erfreuen: Besonders die Besetzung der Titelpartie mit dem Countertenor Tim Mead (Händel selbst hatte für die Uraufführung eine Mezzosopranistin verpflichtet) erscheint nicht sehr glücklich, denn Mead singt recht gedeckt und gaumig, so dass gerade bei ihm der Text oft nicht mit der wünschenswerten Klarheit und Differenziertheit zur Geltung kommt. Hier punktet Daniel Reuss ganz eindeutig: Mit Sarah Connolly hat er die Rolle des Solomon weitaus trefflicher besetzt. Von verlockender Qualität ist bei Reuss auch der Chorpart: Mit u. a. an romantischem Repertoire geschulter Klangfülle und Ausgewogenheit versteht der RIAS-Kammerchor freilich zu zaubern und zu glänzen, wenngleich sein Gesang hinsichtlich seiner Wirkung im Zusammenhang mit Text und Handlung gelegentlich allzu harmlos ausfällt. Ein großes Lob hingegen muss dem Winchester Cathedral Choir in McGegans Einspielung ausgesprochen werden: Er klingt als Knabenchor naturgemäß etwas aufgerauter und schlanker, ist aber in puncto textnahe Gestaltung stets hervorragend auf dem Posten. Vergleicht man der Rest der Solistenbesetzung, so ist man geneigt, Daniel Reuss’ Wahl insgesamt als die glücklichere zu bezeichnen: Mark Padmore als Zadok (gegenüber dem nicht ganz koloratursicheren Michael Slattery bei McGegan) agiert wie üblich energiegeladen und engagiert, was ein nicht unbeträchtliches Vibrato zur Folge hat, aber dennoch mitreißt. Carolyn Sampson bezaubert gleichermaßen als zweite Dirne wie auch als Königin von Saba; beide Partien besetzt McGegan mit der gelegentlich im Detail ausdrucksstärkeren, aber stimmlich etwas weniger gut disponierten Claron McFadden. Kurzum: Obwohl bei McGegan gelegentlich der unmittelbare dramatische Zugriff auf die Substanz des Werks mehr überzeugt, tendiert der Rezensent zu Reuss’ Einspielung, bei der es im vokalen Bereich weniger störende, vom dargestellten Geschehen ablenkende Defizite gibt. Eine ästhetisch bedingte, subjektive Wahl vielleicht und damit eine durchaus anfechtbare.

Michael Wersin, 25.01.2008




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