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Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Gustav Mahler, Igor Strawinski, Leonard Bernstein u.a.

Leonard Bernstein - The Original Jacket Collection

New York Philharmonic, Leonard Bernstein

Sony SX10K89750
(1958 - 1969) 10 CDs

Diese Box könnte ohne weiteres auch ein De-Luxe-Schnellkurs für Einsteiger sein: Große Musik von Haydn bis Strawinski in zum Teil unschlagbaren, niemals aber weniger als inspirierten und vitalen Interpretationen. Es fehlt Bach, es fehlt Mozart, es fehlt Schubert oder Brahms - aber mit denen hatte Lennie es nie so besonders. Dafür mit Haydn (der Papst der Haydn-Forscher, H. C. Robbins Landon, hielt ihn für einen der größten Haydnianer), mit Beethoven (eine "Eroica" ohne ein Gramm Fett, aber nicht so knochig wie bei manchen "Authentikern"), mit Mahler, mit Strawinski und Ives und Schostakowitsch und Copland - Avantgarde von gestern oder vorgestern, selten so belebt wie unter Bernsteins Taktstock.
Das wäre auf den ersten Blick diese Blütenlese aus dem Columbia-Repertoire der späten fünfziger bis späten sechziger Jahre, eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen, es gibt noch zig andere erstklassige Bernstein-Aufnahmen aus jenen Tagen, alle aus New York, denn der erste amerikanische Dirigent, der je ein amerikanisches Orchester leitete, ging damit fast jede Woche ins Aufnahmestudio und schrieb so Schallplatten-Geschichte: Bernstein und die New Yorker Philharmoniker, das war elf Jahre lang Eis mit Sahne oder Wiener mit Senf, ein Schock, als plötzlich Pierre Boulez Lennie "ablöste".
Für die Älteren unter uns kommt ein nostalgisches Plus hinzu - "The Original Jacket Collection" steckt die CDs in jeweils ein Faksimile der Hüllen für die schwarzen Scheiben von damals, komplett mit (meist intelligenter) Front-Grafik und (meist intelligentem, hier aber nicht entzifferbarem) Text-Rücken. Wer sich über das Konfetti des verkleinerten Kommentars ärgert, kann Auszüge auch im Beiheft der Box nachlesen, in Normalschrift und in Übersetzung.
Die Aufnahmen selbst, aus der schlimmen Hoch-Zeit des "Multi-Miking" (zu viele Mikrofone verdarben die Musik zu Brei), wurden sehr behutsam auf heutigen Standard überspielt und klingen nicht mehr so aufdringlich "solistisch" wie damals. Dem schieren Bravado, das Kennzeichen Bernsteinschen Dirigierens war, konnte die Klangtechnik ohnehin keinen Schaden zufügen, aber es ist schön, sie so in Richtung "Natürlichkeit" aufgefrischt zu bekommen.
Dass von allen Mahler-Sinfonien die siebente gewählt wurde, verblüfft einigermaßen - Bernstein ist auch hier sein bestes Selbst, nur Mahler nicht. Bei Copland ("Billy the Kid"!) und Ives bleibt er sowieso unerreicht, und Gershwins "Rhapsody in Blue" geriet selten so aus einem Guss wie in dieser frühen Version mit Lennie als Pianist und Dirigent, auch seine späteren Versuche sind nur noch ein Schatten. Die sinfonischen Tänze aus seinem Musical "West Side Story" hat seltsamerweise auch nie mehr jemand so hingekriegt, mit jener Überdosis Adrenalin, die der Musiker-Musiker zunehmend mit Whisky dämpfen musste.
Ohne Zweifel ein Schmuckkästchen, diese Box: Sie konserviert rare Höhepunkte der Interpretationsgeschichte für die Nachwelt wie - nun ja, wie in Bernstein.

Thomas Rübenacker, 07.03.2002



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