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Diverse

Farinelli-Arien

Vivica Genaux, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs

HMF/Harmonia Mundi HMC 901778
(74 Min., 2/2002) 1 CD

Die Kastraten sind tot, und wenn man bedenkt, wie viel von den Gesangskünsten des 18. Jahrhunderts noch für die allgemeine Aufführungspraxis zu gewinnen ist (Deklamation von Rezitativen! Verzierungen!), dann sollte uns dieser Umstand nicht allzu sehr bekümmern. Doch der Starkult, der im 18. Jahrhundert um einen Künstler wie Carlo Broschi (1705-1782), genannt Farinelli, gemacht wurde, wird uns nicht ruhen lassen, bis wir aus dem Repertoire der Kastraten nicht auch etwas ebenso Kultträchtiges gezaubert haben.
Die bisherigen Alben mit Arien aus dem Repertoire Farinellis waren entsetzliche Fehlschläge. Es begann mit Profilierungsversuchen mittelmäßiger Kontratenöre, die mitunter einer Florence Foster Jenkins würdig waren. Für eine neue Qualität des Gruselns sorgte die historisch wie musikalisch völlig unsinnige Überblendung einer Frauen- und einer falsettierenden Männerstimme für den Soundtrack von Gérard Corbiaus Kinofilm "Farinelli". Nein, nein: Die Kastratenstimmen haben mit dem charakteristischen Falsett der Kontratenöre nichts zu tun, und auch wenn Androgynität im Showbiz gut ankommt, waren ihre Träger auch keine singenden Drag-Queens.
Der Zauber dieser Stimmen - das kann man trotz seiner ganz anderen Gesangsausbildung aus den noch existierenden Aufnahmen des letzten Kastraten Alessandro Moreschi ahnen - dürfte an ihrer ins Erwachsenenalter geretteten kindlichen Jugendlichkeit gelegen haben: In einer Zeit, in der Stimmbruch später einsetzte als heute, konnte wohl niemand besser und sogar glaubwürdiger als die Kastraten die Rosenwangigkeit und das pubertierende Feuer jugendlicher Opernhelden verkörpern.
Rosenwangig kann man den Mezzosopran von Vivica Genaux nicht nennen, auch nicht "dick", wie Farinellis Stimme bei aller Helle und Beweglichkeit gewesen sein soll. Doch abgesehen davon haben wir hier nun endlich eine Aufnahme seines Repertoires, die nicht nur höchsten technischen Ansprüchen gerecht wird, sondern auch viel darüber verrät, wie man die hochvirtuosen Arien aus Farinellis Repertoire im Geiste seiner Zeit interpretiert: Mit faszinierend leichten und deutlichen Trillern, einer wundervoll klar artikulierten Tiefe, makelloser Beweglichkeit in der Höhe, mit geschmackvollen, auf einem Atem gesungenen Kadenzen. Nur einmal, zum Schluss, werden die Kadenzen geschmacklos überbordend: Das sind diejenigen, die Farinelli selber für die Nachtigallen-Arie aus Giacomellis "Merope" notiert hat.
René Jacobs gleicht die leicht kühle Virtuosität der Solistin in vielen Arien mit der Wärme seines Dirigats aus. Doch ob und wie man ein Publikum mit dieser virtuosen Show tatsächlich rühren kann, dieses Geheimnis hat Farinelli doch mit ins Grab genommen.

Carsten Niemann, 09.05.2002



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