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Nellie Melba - The 1904 London Recordings

Nellie Melba, Landon Ronald, Herman Bemberg

Naxos historical 8.110737
(67 Min., 1904) 1 CD

Vor nunmehr fast hundert Jahren wurden die Töne gesungen und gespielt, die beim Hören dieser CD aus dem Lautsprecher dringen. Nellie Melba, eine der berühmtesten Sopranistinnen ihrer Zeit, wurde 1861 in Melbourne geboren. Bevor sie ihre Gesangskarriere begann, brachte sie eine 1883 geschiedene Ehe hinter sich, aus der ein Sohn hervorging. 1887 debütierte sie in Brüssel, 1889 in Paris, 1893 dann an der New Yorker Met. Erst mit fünfundsechzig Jahren verabschiedete sie sich von der Bühne.
Wie lassen sich die Melba und ihr Gesang über diese gewaltige zeitliche Distanz hinweg einschätzen? Jürgen Kesting singt in seinem Standardwerk "Die großen Sänger" ein enthusiastisches Lob auf Nellie Melba, gestützt auch auf zahlreiche andere Quellen. Gerald Moore, der in den zwanziger Jahren noch mit ihr im Studio war, nennt sie in seinen Memoiren "grässlich" und beschreibt sie als intrigante Zicke - hätte ihre Stimme ihn zu Tränen gerührt, hätte er das wohl erwähnt.
Diese Aufnahmen der Dreiundvierzigjährigen offenbaren eine sicher geführte, erstaunlich jugendliche Stimme, die sich souverän ihren Weg durch ein sehr abwechslungsreiches Repertoire von Tosti-Canzonen bis hin zu Arien aus "Rigoletto", "La Traviata" und "La Bohème" bahnt. Wie voluminös und körperhaft die Stimme wirklich klang, ist angesichts der in den Kinderschuhen steckenden Tontechnik nicht wirklich auszumachen. Bemerkenswert ist allerdings die ausgesprochen ruhige, vibratoarme Singweise auch bei den großen Arien: Verfechter und Verteidiger eines jammerigen Ganzton-Tremolos auf der Opernbühne, wie es bei mancher zeitgenössischen Vertreterin dieses Fachs zu hören ist, sollten hier ganz genau hinhören und zur Kenntnis nehmen, wie man das entsprechende Repertoire in großer Nähe zu seiner Entstehungszeit vorzutragen pflegte. Faszinierend sind zudem die flexible Koloratur- und Trillertechnik, das dichte, intensive Legato sowie die geschmackvoll eingesetzten Portamenti.
Hinsichtlich der Gestaltung fällt bisweilen eine gewisse Hektik in den schnellen Passagen auf, was natürlich mit der sehr begrenzten Aufnahmezeit der Wachsmatrizen zu tun haben könnte. Vieles klingt ungemein leichtgewichtig und frei von Anstrengung - hier scheint mir, egal, ob die Melba nun eine Zicke oder eine Göttin war, der Wert dieser Tondokumente zu liegen: Sie könnten im Sinne einer Orientierungshilfe ein wertvolles Korrektiv für die gegenwärtige Aufführungspraxis sein.

Michael Wersin, 10.10.2002



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