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Frédéric Chopin, Sergei Rachmaninow, Robert Schumann u.a.

Wladyslaw Szpilman - Die Originalaufnahmen

Wladyslaw Szpilman, Polnisches Radio-Sinfonieorchester, Stefan Rachon

Sony 509764-2
(63 Min.) 1 CD

Es ist schon seltsam, wie ein so gut wie verschollenes Lebenswerk hochgespült wird, nur weil einer einen (allerdings guten) Film über jemand anderen dreht: in diesem Fall Roman Polanski, der die wundersame Geschichte seines Landsmanns und Leidensgenossen, des polnischen Juden Szpilman, in dem Film "Der Pianist" zeigt.
Beide, Polanski wie sein Pianist, haben das Warschauer Getto überlebt, Polanski allerdings durch Flucht, Szpilman, weil ausgerechnet ein deutscher Hauptmann, als er gerade auf Nahrungssuche war, ihn stellte und, statt ihn zu erschießen (wie's die Order war), freundlich fragte: "Was sind Sie von Beruf?" - und als Szpilman antwortete Pianist, sich auf einem lädierten Klavier Chopins cis-Moll-Nocturne vorspielen ließ, bevor er den Klavierspieler noch mit Decken und Nahrung versorgte und ihn wieder in die Anonymität entließ!
Im Film hört man den echten Szpilman nicht, und das Hand-Double (Janusz Olejniczak) seines Darstellers ist erheblich schwächer als er - wie man jetzt auf CD überprüfen kann. Denn Szpilman, der bei Artur Schnabel Klavier und bei Franz Schreker Komposition studiert hatte, ist ein wunderbar einfühlsamer Interpret mit kernig-"rundem" Ton und einer zwar dem 19. Jahrhundert verhafteten Musizierhaltung, aber überaus nuancenreichem und stets "fließendem" Spiel - dessen Fluss er zwar des öfteren staut durch Ritardandi, aber so genau kalkuliert, dass es im Kontext nur das Fließen noch mehr begünstigt, ihm Form verleiht, eine rhapsodische Stimme wird.
Natürlich fällt auch auf, dass Szpilmans Anschlag häufig zum Perkussiven neigt, was aber nie auf Kosten der Sanglichkeit geht. Der 1911 geborene und 2000 gestorbene Szpilman entwickelt immer wieder eine große Klangfantasie, und das raffinierte Verzögern-und-Beschleunigen etwa in Schumanns C-Dur-Fantasie klingt wie bestes, innigstes 19. Jahrhundert, man könnte sich vorstellen, der Komponist oder seine Clara hätten's selber so gespielt.
Die CD enthält auch zwei Eigenkompositionen, das Concertino aus dem Jahre 1940 (komponiert also im Getto) ist zwar das gewichtigere Werk, aber mehr Spaß macht die "Paraphrase über einen Walzer von Robert Stolz", wenn der Virtuose das relativ harmlose Stücklein mit Lametta und Girlanden behängt in allerbester Liszt-Tausig-Tradition. Vielleicht hätte man sich Bachs Chaconne aus der d-Moll-Partita für Geige allein ein bisschen weniger martialisch-auftrumpfend gewünscht, auch nicht ganz so "romantisch"-wogend in ihrer Polyfonie, aber derlei Einwand entspricht nur heutigem Bach-Verständnis, taugt nicht zur ernsthaften Kritik.
Nein, diese Entdeckung ist wichtig, weil sie einen zu Unrecht vergessenen Pianisten zeigt, dessen Stil sich deutlich unterscheidet von dem vieler Zeitgenossen und Nachgeborenen - Wladyslaw Szpilman sollte nicht nur als Held eines Filmes präsent sein.

Thomas Rübenacker, 28.11.2002



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