Johann Sebastian Bach

Edition "Bach 2000" Folge 1: Orchesterwerke

Il Giardino Armonico, Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt u.a.

3984-25717-2
9 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition "Bach 2000" Folge 1: Kammermusik

Nikolaus Harnoncourt, Thomas Zehetmair, Herbert Tachezi u.a.

3984-25716-2
13 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition "Bach 2000" Folge 1: Cembalowerke

Zuzana Ružičková, Glen Wilson, Alan Curtis, Gustav Leonhardt, Scott Ross, Andreas Staier,

Band 9: 3984-25714-2, Band 10: 3984-25716-2
11 CDs

Schon bald wird der selige JSB seine Kantate „Ich habe genug“ anstimmen. Zumindest wird der Bach-Liebhaber zum 250. Todesjahr des berühmtesten Thomaskantors genug „Stoff“ zur Verfügung haben. Fast jedes Schallplatten-Label nutzt die Gunst des „Jubiläums“ zu mehr oder minder großen Editionen. Zwei von ihnen gehen dabei aufs Ganze: Hänsslers nach und nach erscheinende „Edition Bachakademie“ und Teldecs auf einen Schlag erschienene Edition „Bach 2000“.
Eines hat Teldec allen voraus: eine Edition zum Puzzeln. Was vor acht Jahren erstmals und en miniature möglich war - das Porträt Mozarts mit einigen Auswahl-CDs vor sich auszubreiten -, das weitet Teldec nun mit Bach ins Gigantische: Je nachdem, wie man die zwölf Kartons aufstellt, wird man entweder vor dem Zentrallogo, der Signatur des „ganz gehorsamen Dieners J. S. Bach“ oder aber den Werkgruppen der bunten Quader knien (der Werkgruppen-Aufbau zeigt die vortreffliche Übersichtlichkeit der Edition, auch das Auffinden einzelner Werke in den dreizehn Zentimenter großen Päckchen gestaltet sich problemlos). Jedenfalls lässt sich das Wohnzimmer fortan zum Bach-Container ummodellieren, und zwar guten Gewissens, denn der so genannten Umwelt zuliebe wurde auf Plastik zu Gunsten von Pappe verzichtet. (Ist Pappe wirklich schadstoffärmer? Warum bleibt in den Quadern so viel Platz übrig? Das sind die unbeantworteten Fragen der Umwelt an Teldec.)
Das Design also bestimmt das Sein? Nicht ganz. Der Inhalt ist nicht nur bunt verpackt, sondern über weite Strecken interpretatorisch erstklassig. Allerdings dürfte ein gut Teil der Edition längst in den Wohnzimmer-Regalen stehen, so vor allem die geistlichen Kantaten, die Nikolaus Harnoncourt bereits vor dreißig Jahren eingespielt hat. Wohlweislich verkauft die Teldec die Quader denn auch einzeln und das große Bach-Paket alternativ: mal mit (153 CDs, 3984-26535-2), mal ohne geistliche Kantaten (93 CDs, 3984-26536-2). Alle Interpreten sind der Teldec-Reihe „Das Alte Werk“ folgend der historischen Aufführungspraxis verpflichtet.

Orchesterwerke

Beim abschließenden Band 12 (3984-25717-2, 9 CDs) mit den Orchesterwerken sticht die famose Einspielung der „Brandenburgischen Konzerte“ durch das Ensemble Il Giardino Armonico hervor – mit einer schwungvollen, gleichermaßen von Präzision wie Elan getragene Lesart.
Gegenüber solcher hinreißend-virtuosen Authentizität unserer Tage nehmen sich die gut dreißig Jahre alten Aufnahmen der Cembalokonzerte durch Gustav Leonhardt, den großen Ziehvater heutiger Barock-Experten, zwar nicht „altmodisch“, aber in ihrer rhythmisch ebenmäßigen Motorik asketisch-streng aus. Das gilt auch für Nikolaus Harnoncourts vier Orchestersuiten. Im berühmten Air allerdings gelingt ihm der wunderbare Spagat einer antiromantisch schlanken, gleichwohl tief berührenden Bach-Exegese. Die Violinkonzerte wiederum, die er mit seiner Frau Alice als Solistin Anfang der Achtziger einspielte, verharren in einer meditativ-dunklen Grundhaltung; zumindest den Ecksätzen hätte mehr Elan gut getan.

Kammermusik

Die dreizehn Kammermusik-CDs von Band 11 (3984-25716-2) warten mit einigen Besonderheiten auf. So erklingt im Lauten-Clavicembalo mit seinen weichen, dunkel timbrierten Darmsaiten die eigenartige Klangsynthese von Laute und Cembalo, die Bach sehr schätzte. Michele Barchi präsentiert das aparte Klangwerkzeug bei Bachs Lautenkompositionen im Wechselspiel mit Luca Pianca, dem wohl führenden Lautenisten unserer Tage. Lediglich der übermäßige Hall trübt den Genuss der Kostbarkeiten der beiden Italiener (Robert Hill, der in der Hänssler-Edition das bachsche Lautenklavier vorstellt, hat da die größere Transparenz auf seiner Seite).
Eine Entdeckung sind Nikolaus Harnoncourts Cello-Suiten von 1965. Der ehemalige Solo-Cellist der Wiener Sinfoniker legt hier ein frühes Zeugnis seines folgenschweren Ehrgeizes ab, die Aufführungspraxis durch den Rückgriff auf zeitgemäße Instrumente (mit samtig-obertonreichem Klang) und vorromantische Spielpraktiken zu beleben - ein Dokument ersten Ranges, wobei Harnoncourts Stärken mehr im Phrasieren als im Virtuosen liegen. Auf seine Art gilt dies auch für das phänomenale Bach-Spiel des jungen Thomas Zehetmair, der 1983 einen denkbar blutvollen, mitreißenden Zyklus der sechs Sonaten und Partiten für Solovioline darbietet - mit einer geradezu brüsk hingeworfenen, gleichwohl atemberaubend sicher gemeisterten d-Moll-Partita.
Auf bewährte, noch heute der Durchhörbarkeit der kontrapunktischen Linienführung wegen vorbildlich zu nennende Einspielungen aus dem Umkreis von Harnoncourts Concentus musicus greift Teldec bei den weniger spektakulären, dafür umso anspruchsvolleren Kammermusiken zurück: beim „Musikalischen Opfer“ und der „Kunst der Fuge“ (in der Orgelfassung Herbert Tachezis). Ebenfalls aus den Glanzzeiten des „Alten Werks“ stammen die Violinsonaten mit Alice Harnoncourt und die Flötensonaten mit Leopold Stastny und Frans Brüggen.

Cembalowerke

Dass alle großen Zyklen für Tasteninstrumente mit Cembalo eingespielt worden sind (Band 9: 3984-25714-2 und Band 10: 3984-25716-2 - jeweils 11 CDs) entspricht zwar Teldecs Authentizitäts-Maxime, ob allerdings das historische Instrument mit seinem doch recht gleichförmigen Ausdrucksgehalt dem heutigen ästhetischen Empfinden entspricht, ist fraglich - die Vorzüge des dynamisch breit gefächerten und klar konturierten Anschlags eines Steinway-Flügels sind gerade bei Bach nicht von der Hand zu weisen. Hat man die Cembalo-Prämisse allerdings akzeptiert, dann kann man mitunter erstklassigen „Clavierübungen“ lauschen.
Während Zuzana Ružičková, die Grande Dame des Cembalo-Spiels (nach Wanda Landowska), in den zwei- und dreistimmigen Inventionen und Sinfonien nur annäherungsweise ihre Kunst zeigen kann, legt Glenn Wilson in etlichen Präludien und Fugen des „Wohltemperierten Klaviers“ fulminante Tempi vor. Alan Curtis verleiht zwar mit seinem Christian-Zell-Cembalo aus dem Jahre 1728 den sechs Französischen und Englischen Suiten ein großes Klangvolumen, bleibt aber ebenso wie Gustav Leonhardt in den „Goldberg-Variationen“ in den Zeitmassen recht bedächtig. Allerdings kann Leonhardts Einspielung von 1965 wegen ihrer Artikulationsgenauigkeit noch immer Vorbildcharakter beanspruchen.
Scott Ross hingegen geht die sechs Partiten nicht nur behände, sondern mitunter auch eigenwillig akzentuierend an. Aus den in Band 10 versammelten Hundertschaften von kleineren Werken - meist (anspruchsvollen!) Unterrichtsübungen, die Bach selbst als Schüler oder auch als Lehrer seiner Söhne verfasst hat - ragen Andreas Staiers Sonaten-Einspielungen heraus: Sie „packen“ den Hörer regelrecht, so temperamentvoll und verzierungsbesessen geht der junge Wilde des Cembalofaches sie an.
Apropos Hundertschaften und „kompletter“ Bach: Auch Teldec liefert zum Beispiel die frühe Fassung des fünften Brandenburgischen Konzerts, die Canons BWV 1072–78, 1086 oder auch die erst 1975 aufgetauchten vierzehn „verschiedenen Canones über die ersten acht Fundamental-Noten“ der Aria der „Goldberg-Variationen“. Gleichwohl: Hänssler wird mit seiner fortlaufenden Edition, die auch nachträgliche Supplement-Lieferungen einschließt, einige BWV-Nummern mehr aufweisen können - auch solche, die noch der Ersteinspielung harren, etwa wenn unter den von Christoph Wolff in Kiew entdeckten Handschriften Partituren von Johann Sebastian Bach sein sollten.

Christoph Braun, 01.05.1999




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