Johann Sebastian Bach

Edition "Bach 2000" - Folge 2: Kantaten

Paul Esswood, James Bowman, Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt u.a.

Folge 1–4, Geistl. Kantaten, 3984-25706-2 bis 3984-25709-2, Folge 5, Weltl. Kantaten, 2984-25710-2
15 bzw. 11 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition "Bach 2000" Folge 2: Messen, Passionen, Oratorien

Arnold Schoenberg Chor, Amsterdam Baroque Choir, Amsterdam Baroque Orchestra, Michel Corboz, Ton Koopman

Geistliche Vokalwerke, 3984-25711-2
14 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition "Bach 2000" Folge 2: Orgelwerke

Ton Koopman

Folge 8, 3984-25713-2
16 CDs

Kantaten

Arge Gewissenspein bereiten mir die ersten sechs „Pakete“ von Teldecs Bach-Edition. Nicht etwa, weil ich als gebürtiger Katholik hier die Kantaten und großen Vokalwerke des bedeutendsten Protestanten der Musikgeschichte zu rezensieren hätte, sondern der Knabenstimmen wegen (dabei hatte ich selbst einmal eine recht passable!). Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt haben die Wiener und Regensburger Vorzeige-Buben in den siebziger Jahren bei ihren großen Pionierprojekten historischer Aufführungspraxis solistisch wie chorisch eingesetzt. Zweifellos passen ihre Kehlen bestens zum Klang der leisen und doch klaren Tongebung der historischen Instrumente und zweifellos ist noch immer ihre fabelhafte Technik zu bestaunen. Aber abgesehen vom schrillen Chor-Timbre, das sich nicht recht mit den Männerstimmen zum homogenen Chorklang vereinen will: die Glaubwürdigkeit, mit der ein Knabe von „Herzeleid“ und „Todesschmerz“ singt, ist einfach nicht die eines Erwachsenen. Das gilt auch für die hasserfüllten Turbae-Kreuzigungs-Rufe in der „Matthäus-Passion“. Allenfalls das Weihnachtsoratorium mit seinen pietistisch-süßlichen Herzjesukindelein-Passagen scheint mir da passender.
Dass Harnoncourts Bach-Interpretationen gleichwohl zu den überragenden der letzten Jahrzehnte zählen, liegt zuallererst an seinem Klang- und Phrasierungssinn. Derart kammermusikalisch ausgefeilt, „organisch“ im An- und Abschwellen, in kurzen Phrasierungsbögen atmend hört man die bachschen Großwerke nach wie vor höchst selten. (Da verzeiht man dem Concentus musicus auch manche spieltechnische Unebenheit; der virtuos-geschmeidige Klang heutiger Spitzenensembles der „historischen“ Szene war damals erst im Entstehen). Unvergessen bleiben auch die Kontratenor-Finessen von Paul Esswood und James Bowman sowie Kurt Equiluz’ hochsensible Rezitativ-Kunst, wohingegen der allzu vibratoreiche Karl Ridderbusch der „Vox Christi“ allzu sentimentale Farben beimischt.
(Folgen 1–4, Geistliche Kantaten, 3984-25706-2 bis 3984-25709-2, je 15 CDs / Folge 5, Weltliche Kantaten, 2984-25710-2, 11 CDs)

Messen, Passionen, Oratorien

Harnoncourts Aufnahmen der h-Moll-Messe und der „Johannes-Passion“ von 1986 und 1995 bestreitet der mit vorzüglichen Frauenstimmen ausgestattete und denkbar schlank und durchsichtig in der polyfonen Stimmführung agierende Arnold-Schönberg-Chor. Die vier lutherischen „Missae breves“ wiederum zeigen, dass Teldec sein Authentizitäts-Dogma nicht allzu eng befolgt hat. Man kann, muss dies aber nicht bedauern, da Michel Corboz die halbstündigen Kurzmessen mit seinen „modernen“ Ensembles aus Lausanne 1974 in solider Hausmannsmanier, also nicht übermäßig filigran aufnahm.
Gerade das beschwingt-leichte und subtile Aufdecken polyfoner Strukturen zeichnen dagegen Ton Koopmans Amsterdamer Barock-Ensembles aus, die hier das von Bach im (werkeigenen) Parodie-Verfahren relativ „ökonomisch“ angefertigt Osteroratorium wiedergeben.
(Folge 6, Geistliche Vokalwerke, 3984-25711-2, 14 CDs)

Orgelwerke

Ton Koopman liefert auch das solistische Meisterstück der Edition. Warum Bach zu Lebzeiten vor allem als virtuoser Organist berühmt war, wird in Koopmans überragender Gesamteinspielung nur zu verständlich. Vor allem die Großwerke – etwa die wild herausfahrenden f-Moll-Fantasie und die grandiosen c-Moll-Passacaglia – erhalten bei ihm auf den Hamburger Silbermann- und Schnitger-Orgeln eine Klangpracht und interpretatorische Verve, dass nur Staunen bleibt.
(Folge 8, 3984-25713-2, 16 CDs)

Motetten, Lieder

Die sechs Motetten sind in der zu Recht viel gepriesenen Co-Einspielung des Stockholmer Kammerchors unter Anders Öhrwall und Harnoncourts Concentus zu hören. Christoph Prégardien und Klaus Mertens treffen jenen Ton ergreifender Schlichtheit, der die geistlichen Lieder, die Bach zu Christian Schemellis „Musicalischem Gesangbuch“ von 1736 beisteuerte, auszeichnet. Das gilt auch für die vom Ensemble Tragicomedia eingespielten Arien aus dem Notenbüchlein für Bachs zweite Frau Anna Magdalena.
Bei so viel pietistischer Innerlichkeit tut dann doch jenes Quodlibet gut, das der junge Mühlhauser Bach für ein befreundetes Hochzeitspaar schrieb – eine Art barocker Enigma-Variationen, die die – pardon – geniale Perücke auch mal von ihrer witzigen Seite beleuchten.
(Folge 7, Motetten, Choräle und Lieder, 3984-25712-2, 7 CDs)

Zum Schluss noch ein Wort zum Vergleich der Gesamtedition von Teldec und Hänssler: Wer Kompaktes will – beste Übersicht, innen wie außen – der ist mit Teldecs Koloss bestens bedient. Wer dagegen Präzision im Detail sucht und Bachs Riesenwerk Stück für Stück kennen lernen möchte, der kommt an Hänsslers „Edition Bachakademie“ nicht vorbei. Wer hier die Wahl hat, hat nicht nur die Qual, er hat hoffentlich auch Platz im Wohnzimmer.

Christoph Braun, 01.01.2000




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top