Diverse

Große Pianisten des 20. Jahrhunderts (Vol. 31-40)

Claudio Arrau, Janis, Evgeny Kissin, Zoltán Kocsis, Moravec, John Ogdon, Richter, Artur Schnabel, Maria Yudina, Krystian Zimerman

(Alle Doppel-CDs erschienen bei Philips:
Schnabel (456 961-2), Richter (456 949-2), Arrau (456 709-2), Yudina (456 994-2), Kocsis (456 874-2), Zimerman (456 997-2), Janis (456 847-2), Moravec (456 910-2), Ogdon (456 913-2), Kissin (456 871-2)

Artur Schnabel (456 961-2), Übervater aller Beethoven-Spieler, geht der dritten Folge der Philips-Pianisten-Edition voran. In den dreißiger Jahren nahm Schnabel als erster alle Beethoven-Sonaten für die Schallplatte auf. Diese Einspielung, aus der hier die Waldstein-Sonate vorgelegt wird, ist noch im Handel und äußerst empfehlenswert. Zudem werden wir mit zwei Spätsonaten überrascht, die einer späteren, unvollendeten Aufnahmereihe aus den Vierzigern entstammen. Schnabels Altersstil zeigt verstärkt seine berüchtigte Schludrigkeit in den schnellen Sätzen, doch dann kommt die Arietta aus op.111, und da ist ein unbeschreiblicher Grad von “Richtigkeit” erreicht, ein absolutes Gespür für diese sich gedanklich immer weiter aufspaltende Musik.
Und noch einmal Beethoven, diesmal mit Swjatoslaw Richter (456 949-2). Die Aufnahmen aus den Sechzigern - Trauermarsch, Sturm, Appassionata -, sind von einer kalten, bohrenden Intelligenz bestimmt, und man erlebt ein durchaus faszinierendes Stadium des “unterwegs” zu Beethoven. Die Ruhe etwa für die Adagio-Räume der “Sturm”-Sonate hatte er eben noch nicht. In den Live-Mitschnitten aus seinen letzten Jahren (die drei letzten Sonaten) merkt man erschrocken, dass Richter immer noch feststeckt, immer noch mit dem Stahlmeißel arbeitet. Dies ist allenfalls groß in der peinigenden Gewissheit des Scheiterns, des Unfertigen. Ein gewittriges El-Greco-Licht liegt über allem, Richter und Beethoven finden immer noch keine Ruhe.
Claudio Arrau (456 709-2) dagegen ist sich seiner Sache sicher, und er hat so recht. Diesmal kommen Aufnahmen aus seinen späteren Jahren, aus den Mittagsstunden (sie kamen spät bei ihm) seiner Kunst, eine philosophisch zurückgenommene Waldstein-Sonate, eine endlich wieder erhältliche, sehr, sehr feurige Liszt-h-Moll-Sonate und weitere wirklich große Deutungen, die uns alle sagen wollen, dass diesem Pianisten eigentlich jener Thron zusteht, auf dem ein anderer Verstorbener noch sitzt, was durchaus zu revidieren wäre.
Noch eine legendäre Figur, dann wären wir für diesmal zuende mit dem Weihrauchgefäß: Maria Yudina (456 994-2), eine in der Sowjetunion offiziell verfemte Künstlerin, deren seltene Auftritte Messen geglichen haben sollen. Die eigenwillige Kraft und Sprödigkeit von Bachs “Goldberg-Variationen” stellte mich doch vor Hörprobleme, denn ein eigenbrödlerisches, starkes Naturell ist da am Werk, mit merkwürdigen Temporückungen und Phrasierungen. So ganz habe ich noch nicht verstanden, was sie will, aber es ist nie langweilig mit der Yudina.
Und nun ein großer Sprung: Zoltán Kocsis (456 874-2) ist ein Naturereignis! Er verkörpert den urvitalsten Einbruch von Spiellust in der Edition. Er ist einer der Künstler, der mit allem hinreißt, was er anfasst. Und das liegt daran, dass er im Augenblick immer selbst geradezu kindlich begeistert ist, egal, ob er Griegs lyrische Stücke aussingt, durch Bartóks rumänische Volkslieder poltert oder uns auf eine “Isle joyeuse” (Debussy) mitnimmt. Höchstens eine Handvoll Lebende können Kocsis das Wasser reichen.
Einer von ihnen ist Krystian Zimerman (456 997-2). Er ist ein ungemein analytischer, an sich und seinem Werkverständnis zweifelnder Interpret. Sein Spiel wirkt, als zerlege er sein Repertoire, schleife alles ab - und wenn es dann endlich erklingt, könnte es nicht klarer sein, von unanfechtbarer, aber auch steriler interpretatorischer Haltbarkeit. Zimerman hat kein Interesse an klangfarblichen Schattierungen, er zieht scharfkantige dynamische Grenzen und wendet sich den motorischen Aspekten zu. Wenn er Liszts “Funérailles” spielt, ist die Entfesselung nicht mehr die eines wild schlagenden Herzens, sondern die eines Klavier-Terminators.
Daneben schrumpft ein Virtuose wie Byron Janis (456 847-2); seinem Spiel fehlt die transzendierende Unerbittlichkeit Zimermans, es bleibt bei gefälliger Bravour. Die amerikanischen Pianisten, die uns in der Edition für mein Gefühl viel zu massiv präsentiert werden, Janis, Earl Wild, William Kapell, Van Cliburn, sind vor allem Epigonen der großen Einwanderer, der Lhévinnes, Hofmanns und Horowitz’.
Zwei ungleich interessantere “Regionalisten” gilt es vorzustellen: Den Tschechen Ivan Moravec (456 910-2), der hier einen Debussy hinstellt, mit dem er mehr als alle anderen eine Gegenposition zum Interpretations-Monument Michelangelis aufbaut, das so geschmacks- und stilbildend wirkt. Einen Vitalismus-Debussy, weniger auf allzu weit ins Leise tastende Nuancen als auf Kanten, Ecken, Bewegungslust gerichtet. Man sollte sie auch einmal loben, die Produzenten: Dass sie Moravec aufgenommen haben, ist eine gute Tat!
John Ogdons (456 913-2) letzte Jahre von seinem psychischen Zusammenbruch 1973 bis zu seinem Tod 1989 waren eine Tragödie. Höhnisch freuten sich die Feuilletons, wenn er sich, anstatt ein Konzert zu geben, im Lithiumnebel am Flughafen verirrte. Doch auch in dieser Zeit gab es lichte Tage mit Konzert-Sternstunden. Nun ist es Zeit für seine Rehabilitierung. Seine Skrjabin-Sonaten sind kürzlich bei EMI erschienen, und wie man damals Ashkenazys Einspielung vorziehen konnte, ist nicht zu verstehen. Die Edition bringt die vierte Sonate und eine gar nicht überspannte, ganz klangsatte, beruhigte Deutung der b-Moll-Sonate Rachmaninows.
Endlich Jewgenij Kissin (456 871-2). Ganz unbestreitbar ist er einer der Begabtesten der jungen Generation. Aber er wird doch - so hoffe ich - erst dem kommenden Jahrhundert so richtig angehören, und darum ist diese Musealisierung in der Edition, die doch so etwas wie ein klingendes Lexikon der Pianistik dieses Jahrhunderts sein will, bedenklich. Sie nagelt etwas fest, das noch in Bewegung ist.

Matthias Kornemann, 01.02.1999



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