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Große Pianisten des 20. Jahrhunderts (Vol. 41-60)

Vladimir Ashkenazy, Alfred Brendel, Alfred Cortot, Clifford Curzon, Nelson Freire, Emil Gilels, Glenn Gould, Friedrich Gulda, Haebler, Clara Haskil, Vladimir Horowitz, Julius Katchen, Wilhelm Kempff, Radu Lupu, Benno Moiseiwitsch, Paderewski, Serkin, Mitsuko Uchida, André Watts, Earl Wild

(Alle Doppel-CDs erschienen bei Philips:
Haskil (456 829-2), Curzon (456 757-2), Cortot (456 751-2), Serkin, (456 964-2), Paderewski (456 919-2), Moiseiwitsch (456 907-2), Aschkenazy (456 715-2), Brendel (456 730-2), Horowitz (456 844-2), Kempff (456 865-2), Gilels (456 796-2), Katchen (456 859-2), Gulda (456 820-2), Watts (456 985-2), Lupu (456 895-2), Haebler (456 -2), Uchida (456 982-2), Wild (456 991-2), Freire (456 781-2), Gould (456 808-2)

Zuerst zu den Wundern: Clara Haskils (456 829-2) Interpretation der B-Dur-Sonate Schuberts. Ihre Biografie gleicht einem Albtraum, doch hütet sie sich, ihre Leiden in die letzte Sonate zu tragen. Ganz straff hindert sie die Form daran zu zerbrechen, und um so unheimlicher sind die kurzen Blicke in die Abgründe (Schluss des Andantes!), die sie kennt und mit Formkunst überbaut. Dieser zarte Heroismus sei allen weinerlichen Schubert-Interpreten engegengehalten.
Und noch ein herber, todernster Schubert, von Clifford Curzon (456 757-2). Ganz robust, unpersönlich fast beginnt er die Wanderer-Fantasie, und dann plötzlich, im Mittelteil des Prestissimo-Scherzos, beginnt ein entrückter Ländler-Traum, als singe jemand, der sich alleine wähnt, leise vor sich hin. Augenblicke, in denen Curzon zu einer seltenen Eindringlichkeit findet. Wer könnte das heute so spielen? Selbst dem kenntnisreichen und kritischen Dr. Bechyna aus Düsseldorf, dem aufmerksamsten Leser dieser Rubrik und fleißigen Leserbriefschreiber, wird das gefallen.
Alfred Cortot (456 751-2) war einer der folgenreichsten Pianisten unseres Jahrhunderts. Chopins Etüden klingen selten impulsiver, wie befreit aus dem Korsett virtuoser Demonstrationen. Cortots Schumann - die “Sinfonischen Etüden”, der “Carnaval” - ist einzigartig in seiner Kunst, aus einem klanglichen Idiom, einer Charaktermaske in eine andere zu schlüpfen. Und wer bei all den falschen Noten dort an Cortots Technik zweifelt, höre Ravels “Jeux d’eau”.
Wie fantasielos man dagegen Rudolf Serkins (456 964-2) gedenkt, macht mich ratlos, denn vier verwirrend zähe Mozart-Konzerte aus seiner letzten Phase porträtieren diesen überaus vielseitigen Künstler unzureichend.
Theodor Leschetitzky war Czernys Schüler - und der Beethovens. Ignacy Paderewski (456 919-2) war Schüler Leschetitzkys (es ist kompliziert, ja) und stolz, ein pianistischer Urenkel Beethovens zu sein. Um 1890 löste er Hysterien aus wie heute Michael Jackson. Auf seiner USA-Tournee reiste er in eigenem Salon-Wagen. Als er zwanzig Jahre später seine Platten-Aufnahmen begann, war der größte Erfolg vorbei - und dennoch, von seinem berühmten Rubato, von seinem samtigen Ton bekommt man hier mehr als nur eine Ahnung.
Bei Benno Moiseiwitsch (456 907-2), einem weiteren Leschetitzky-Schüler, kann man dann wirklich hören, über welche verfeinerte Anschlagskunst diese Pianisten-Schule so mühelos gebot. Im vierten Chopin-Scherzo oder in Liszts “Leggierezza”-Etüde begegnet man einer Leichtigkeit und heiteren Klangschönheit, die einem Ausflug in ein verlorenes Paradies gleicht.
Diese Vergangenheit noch im Ohr hörte ich Wladimir Aschkenazy (456 715-2) mit Chopin und Ravels “Gaspard” und wusste plötzlich, warum mich bei pflichtschuldigster Anerkennung noch nie eine Aufnahme von ihm wirklich begeistert hat. Es fehlt ein warmer, individueller Ton. Gerade im Forte ist alles maus- bis stahlgrau.
Einige Fortsetzungen sind sehr gelungen. Ein reines Beethoven-Programm von Alfred Brendel (456 730-2) müsste man eigentlich nicht weiter empfehlen, ich tue es trotzdem. Wladimir Horowitz (456 844-2) kommt in einer packenden Auswahl mit der Liszt-Sonaten-Explosion von 1932 und seiner nicht minder beängstigenden siebten Prokofjew-Sonate von 1945, dazu Skrjabin und Rachmaninow.
Die zweite Wilhelm-Kempff-Folge (456 865-2) dokumentiert seinen umstrittenen Ausflug zu Liszt aus den fünfziger Jahren. Ich gebe zu, ich war voreingenommen. Ist es nicht eine Halbheit, sich dem poetischen Liszt zuzuwenden, wenn man nicht gerüstet ist, eine wirklich frei triumphierende h-Moll- oder Dante-Sonate zu spielen? Doch die fast brahmselnde Sprödigkeit der Petrarca-Sonette wagt einen “unerhörten” Liszt-Ton, und wie trocken er die Vöglein in der Predigt des heiligen Franz zwitschern lässt, das ist richtig lustig. Gilels II (456 796-2) bringt eine der sensationellsten Live-Vorstellungen, die ich kenne: Liszts “Spanische Rhapsodie” (1968) mit der aggressivsten Oktaven-Attacke der Schallplattengeschichte. Ebenso verblüffend ist seine achte Prokofjew-Sonate. Anders als Richter entdeckt Gilels hier unerwartet reiche Melodik und Klangschönheit.
Die zweite Katchen-Folge (456 859-2) verbittert: nur Werke mit Orchester, beliebig, austauschbar. Ein Katchen-Porträt ganz ohne den späten Brahms, ohne Kammermusik von Brahms bleibt ein Torso. Friedrich Gulda (456 820-2) wird sich freuen: Man verkennt ihn wirklich. Auch in Folge II endet sein Pianistenleben rätselhafterweise 1956 (statt 1999), als er sechsundzwanzig war und gekonnte, aber auch kalte Chopin-Balladen spielte. Die Edition bringt keine einzige Beethoven-Sonate. Hat Gulda sich nicht immer danach gesehnt, als Beethoven-Interpret vergessen zu werden?
Die kleineren Namen hatten oder haben ebenso ihre Sternstunden im Konzert oder Studio, doch sie bleiben Fußnoten im großen Buch der Klaviergeschichte. Und nur als solche verdienen sie einen Platz in der Edition. Eine ganz kurze Anmerkung ist sicherlich André Watts (456 985-2), ein trefflicher Virtuose, der nie ein Interpret geworden ist, an den man noch denkt, wenn man aus dem Konzert nach Hause gekommen ist.
Radu Lupu (456 895-2) ist ein Mann mit einem selten gewordenen, überragenden Klanggeschmack. Doch weichzeichnend zerfließt ihm jedes Stück wie ein Eis in der Sahara. Dann doch lieber Ingrid Haebler (456 -2). Als ich studierte, waren Haebler-Witze schick. Doch ich finde besonders ihren strengen, unsentimentalen Schubert hier sehr hörenswert. Mitsuko Uchida (456 982-2) ist die Meisterin des Sensualismus und der leidenden Physiognomie, die noch der handfestesten Etüden-Aufgabe zerbrechliche Töne abgewinnt. So feinsinnig wie tief beschränkt sie doch (freiwillig) ihren Ausdrucksrahmen. Mit Earl Wild (456 991-2) würde sie sich wohl nicht verstehen: der spielt, wie er heißt. Wie ein übriggebliebener Saurier der alten romantischen Virtuosenzeit stampft er vergnügt und unaffektiert durch ein absurd schweres Transkriptionen-Programm, was sehr vergnüglich ist.
Würde ich Nelson Freire (456 781-2) blos aus dieser Folge kennen, ein flinker Notenstürmer, hätte ich ihn vorschnell abgetan. Aber in den letzten zehn Jahren, die hier gar nicht vorkommen, hat er zu einer anrührenden Behutsamkeit gefunden, spielt Schumanns “Sinfonische Etüden” im Konzert tief und bewegend. So klammert diese Editions-Archivierung bei lebenden Pianisten deren Entfaltung gefährlich aus.
Zum Schluss ein Kuriosum. Wird Glenn Gould (456 808-2) hier dafür bestraft, dass er in einem Interview gesagt hat, Orlando Gibbons sei einer der größten aller Komponisten? So hört man verdutzt in dieser bizarren, einzigen (!!!) Gould-Folge nur Gibbons und Byrd nebst Häppchen. Sehr schön zweifellos. Nur ist kein einziges Werk von Bach vertreten, was ähnlich ist wie eine Goethe-Ausgabe ohne Faust. Doch man muss wohl nicht einmal über eine Abneigung der Produzenten gegen Gould spekulieren (dann würde der ewige Rebell noch in Grab oder Urne kichern), ich vermute eher, dass die Bach-Aufnahmen sich so gut verkaufen, dass sein Hauslabel sie nicht für die Edition freigegeben hat. Unter diesen Umständen hätte man Gould besser ganz weggelassen.

Matthias Kornemann, 01.03.1999



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