Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 2: Werke für Lautenklavier

Robert Hill

Hänssler/Naxos 92.109

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 2: Kammermusik für Flöte

Jean-Claude Gérard

Hänssler/Naxos 92.121
2 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 2: Orgelwerke

Martin Lücker, Kay Johannsen

Hänssler/Naxos 92.101
2 CDs

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 2: Kantaten

Arleen Augér, Philipp Huttenlocher, Adalbert Kraus, Helen Watts, Gächinger Kantorei Stuttgart, Helmuth Rilling

Motetten: Hänssler/Naxos 92.069,
2 CDs, Kantaten: Hänssler/Naxos 92.065

Werke für Lautenklavier

Laute und Klavier - die kennen wir. Aber ein Lautenklavier!? Den Berichten von Bachs Schülern zufolge spielte ihr Lehrer ein solches; ihren Bau- und Klangbeschreibungen verdanken wir es auch, dass Keith Hill ein Lautenklavier nachbauen konnte, denn es existiert kein Original mehr. Hills Namensvetter Robert Hill, der in Freiburg lehrende Experte für historische Tasteninstrumente, stellt das Unikum vor. Gegenüber dem metallbesaiteten Cembalo besitzt das Lautenklavier Darmsaiten, es klingt daher wunderbar samtig, ist aber dennoch klar in der Tongebung. Während der weitgehend statische Cembaloklang - ich gestehe es - nach einer halben Stunde den Wunsch nach Abwechslung aufkommen lässt, herrscht hier relative Kurzweil. Das liegt nicht nur an den aus allen Schaffensperioden eingespielten Werken, es liegt vor allem an Robert Hill und seinem in den Tempi “wohltemperierten”, reich verzierten Spiel, das mit kleinen Atemzäsuren und Rubati auf besonders schöne Stellen und überraschende Harmoniewechsel aufmerksam macht.

Kammermusik für Flöte

Mit aparten Klangfarben wartet auch die Doppel-CD mit Kammermusik für Flöte auf. Pointiert lässt sich hier das Credo der Edition studieren, das unorthodox zwischen historischer und moderner Aufführungspraxis abwägt: Auf der ersten CD finden sich die “Continuo”-Werke im “Originalklang”, also mit Traversflöte und Fagott (statt Cello) sowie dem zu Bachs Zeit neuartigen Hammerklavier (statt Cembalo), während die zweite die “obligaten”, d. h. ohne Bass-, nur mit Tasteninstrument begleiteten Werke “modern” mit Goldflöte und Konzertflügel vorstellt. Dass auch die große c-Moll-Suite BWV 997 aufgenommen wurde (neben dem Lauten-Original und Robert Hills Lautenklavier-Version), ist nur in einem solchen, um wirkliche Vollständigkeit bemühten Vorhaben möglich. Entsprechend wurden auch alle in der Autorschaft fraglichen Werke eingespielt.
Jean-Claude Gérard - wie einige seiner vortrefflichen Continuo-Kollegen Mitglied der Bach-Akademie Stuttgart - erweist sich als geschmeidig-virtuoser Meister seines Faches. Ob in den schwierigen Ecksätzen der a-Moll-Solopartita oder im wunderbar singenden Adagio der g-Moll-Sonate: Gérards beseelter Ton und durchdachte Phrasierungskunst machen aus diesen Suitensätzen Kleinode.
Kammermusik für Flöte. 92.121, 2 CDs - Folge 121

Orgelwerke

Jeder Orgelschüler kennt sie: die zur (unvollständigen) Tonleiter geordneten acht kleinen Präludien und Fugen BWV 553-560. Martin Lücker betont mit ruhigen Tempi, dass die bei allem Lehr-Charakter experimentell-erkundenden Stücke keine charakterlosen Fingerübungen sind. In der riesigen, konzertähnlichen Trias von Toccata, Adagio und Fuge BWV 564 nimmt dann wieder der Lehrer respektive Meister auf der Orgelbank Platz. Im festlich-freudigen C-Dur zeigt Lücker eine bestechende Fuß- und Fingerakrobatik. Allerdings wird das virtuose Element beim Frankfurter Kantor stets durch ein striktes Insistieren auf Maß und Ordnung, sprich: Durchhörbarkeit der Stimmen gebändigt - mustergültig! Eine Weimarer Tonleiter.
Kay Johannsen favorisiert das forsche Spiel. Fulminant geht der junge Stuttgarter Kantor das Es-Dur-Präludium und die aus drei Fugen und drei Themen zusammengesetzte “Trinitätsfuge” BWV 552 an. Mit diesem größten aller Bachschen Orgelwerke endet “Der Clavierübung Dritter Theil” - den nüchternen Titel wählte Bach aus rein “weltlichem” Antrieb, nachdem ihm die beiden ersten “Theile” gutes Geld eingebracht hatten. Im lauffreudigen “Allein Gott in der Höh’ sei Ehr” oder der herben Buß- und Klagemotette “Aus tiefer Not schrei ich zu dir”, finden sich überdies Höhepunkte barocker Imitationskunst auf kleinstem Raum. Einziges, mitunter allerdings heftig störendes Manko der abwechslungsreichen Einspielung: Die Orgel in Stade weist gegenüber Lückers sonorer Frankfurter Katharinen-Pracht allzu schrille, “nervöse” Mixtur-Schwebungen auf.

Kantaten

Nach den bisherigen Erfahrungen ist es kennzeichnend für diese akribisch konzipierte, vorbildliche Edition, dass ihr Mentor Helmuth Rilling und seine Gächinger Kantorei nicht nur die herkömmlichen sechs Motetten eingespielt haben, sondern noch vier weitere Werke, die zumindest in Teilen von Bach selbst stammen. Dass das Urheberrecht noch nichts galt, zeigt die Klage-Motette “Der Gerecht kömmt um” - Bachs Bearbeitung einer deutschen Bearbeitung einer italienischen Motette, vermutlich von Durante oder Lotti.
Welchen Kosmos an religiös inspirierten, emotional-tonmalerischen Eingebungen Bach mit seinen Kantaten, diesen über Jahre hinweg fast jeden Sonntag komponierten “musikalischen Predigten” schuf, belegen die Einspielungen von BWV 23-40 mit Rillings Aufnahmen aus den siebziger und frühen achtziger Jahren aufs eindrücklichste. Neben meditativ-verinnerlichten Bußübungen und lutherisch feste Glaubensgewissheit verströmenden Werken wartet die dritte Editions-Lieferung auch mit prunkvollen Kantaten auf.
Geradezu “lachende” respektive in Glaubenseuphorie “entbrannte” Gächinger Kantoristen sind in der Ratswahlkantate BWV 29 und in BWV 34 (“O ewiges Feuer”) zu vernehmen. Maßgeschneidert für seine ganz auf glaubwürdige Text-Gestaltung ausgerichtete Bach-Sicht suchte sich Rilling das vielköpfige Solistenkollektiv zusammen. Pars pro toto sei auf die schier unglaubliche Koloraturfertigkeit Adalbert Kraus’ (in seiner Arie “So schnell ein rauschend Wasser schießt” aus BWV 26) und auf Aldo Baldins Rezitative hingewiesen, die in ihrer direkten, von einem denkbar hellen, kernigen Tenor getragenen Ansprache in der barocken Vokalkunst nach wie vor ihresgleichen suchen.
Wie schlank und warm timbriert Arleen Augér ihre Sopran-Arien präsentiert, wie einfühlsam Helen Watts ihr betörendes “con sordino”, also mit gedämpften Violinen und pizzicato-Unterstimmen, gemaltes “Wie furchtsam wankten meine Schritte” (aus BWV 33) gestaltet und wie plastisch Philipp Huttenlocher ein Drama en miniature aus seiner skurrilen Arie “An irdische Schätze das Herze zu hängen” formt - das darf als mustergültige Versinnbildlichung der Bachschen Tonmalereien gelten.
Die “Schafe können sicher weiden” wäre ihrem Ruf als pastoralem Höhepunkt noch gerechter geworden, wenn Eva Kirchner ihrem Sopran geschmeidigere, unbeschwertere Ausdruckswerte mitgegeben hätte - vielleicht in der unprätentiösen Art, die Sibylla Rubens im “Happy End” ihrer von Abschiedsschmerz erfüllten italienischen Kantate “Non sa che sia dolore” zeigt: Wenn sie derart “zufrieden auf dem Bug singt im Angesichts des Meeres” - ja, dann kann uns das ganze Titanic-Pathos à la Kate Winslet und Leonardo di Caprio gestohlen bleiben.

Christoph Braun, 01.02.1999




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CD zum Sonntag:

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