Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 4: Cembalowerke

Robert Hill

Hänssler/Naxos 92.102

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 4: Orgelwerke

Kay Johannsen, Wolfgang Zerer

Hänssler/Naxos 92.089 (Johannsen), Hänssler/Naxos 92.094 (Zerer)

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 4: Kantaten

Sibylla Rubens, Thomas Quasthoff, Gächinger Kantorei Stuttgart, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling

Kantaten BWV 62 - 79: Hänssler/Naxos 92.021 - 92.025,
BWV 210, 211: Hänssler/Naxos 92.066

Cembalowerke

Wenn Robert Hill so weiter macht, werde ich noch ein Cembaloliebhaber. Ermüdet mich ansonsten das Gezirpe dieses per se „antidynamischen“ Instruments nach einiger Zeit, so hält mich der Freiburger Experte für historische Tasteninstrumente nicht nur hier über eine Stunde hellwach. Denn so abwechslungsreich im Klangvolumen (durch Manualwechsel), so verzierungsfreudig (mitunter auch ausufernd), so filigran und neben aller technischen Bravur auch mit passender emotionaler Beteiligung werden einem Bachs Werke höchst selten präsentiert.
Gerade die emotionale Beteiligung lässt sich im berühmten Capriccio BWV 992 vernehmen: Bach muss – dies jedenfalls legt Hills mit schmerzlichen Rubati versehene Interpretation nahe – seinen Bruder Johann Jacob wirklich geliebt haben, sonst hätte er ihm zu seiner Abreise von Eisenach nach Stockholm nicht eine solch wehmütige Abschiedsmusik geschrieben. Sie stammt aus den frühen Arnstädter oder Mühlhäuser Jahren, und zwar – ebenso wie die anderen hier eingespielten Werke – aus zwei Manuskript-Sammlungen, die Bach zu frühem eigenem Experimentieren dienten, insbesondere zur Einübung in den heimatlich (mittel-) deutschen, italienischen oder französischen Stil.

Orgelwerke

Ebenfalls dem jungen Bach widmet Kay Johannsen eine Orgel-CD. Als Arnstädter Organist muss Bach, laut Aussagen schimpfender Kirchenoberer, die Gemeinde oftmals „confudiret“ haben. Vermutlich lag dies auch daran, dass er, wie das Beiheft titelt, „ein Virtuose“ war, der den einfachen Gemeindechoral oft allzu freizügig umspielte. Der Stuttgarter Kirchenmusikdirektor Johannsen belegt Bachs bereits in der Jugend ausgebildetes außergewöhnliches technisches Talent in ebenbürtiger Manier mit frühen Choralvorspielen und kleineren Konzert-Fugen (die jeder Orgelschüler kennt). Während hier vielfältige Registerfarben durchaus für Kurzweil sorgen, enttäuscht ausgerechnet die Toccata und Fuge d-Moll. Hier bleibt Johannsen seltsam asketisch: Mit so behutsamem Tempo und zurückhaltendem Klangvolumen kann er dieses stürmische und formsprengende Werkpaar kaum adäquat vermitteln. Apropos: Auch wenn dieses berühmteste aller (nicht nur Bachschen) Orgelwerke vielleicht gar nicht vom „Kantor Gottes“ stammt – die Edition Bachakademie, die nicht nur hinsichtlich der Quellentreue vorbildlich ist, tat gut daran, hier auch mal fünfe gerade sein zu lassen. Denn wer wollte auf dieses Werk verzichten, Autorschaft Bachs hin oder her?
Das gilt natürlich auch für die (allerdings in der Autorschaft verbürgte) berühmteste Sammlung des Weimarer Organisten, das „Orgelbüchlein“, das Wolfgang Zerer an der mächtigen Groninger Martini-Kirche eingespielt hat. Der an der berühmten Passauer Orgel ausgebildete, heute in Hamburg lehrende Orgelvirtuose liebt die starken Kontraste und setzt meditative neben volltönend-festliche Klangspektren. Derart sinnlich aufgefächert und mit zügigen Tempi musiziert, dürften diese fünfundvierzig Choralbearbeitungen mit ihrer einzigartigen Intensität der Textausdeutung weit über die übliche Orgelgemeinde hinaus Hörer finden.

Matthäus-Passion

Wer die bisher veröffentlichten, in den siebziger und achtziger Jahren bereits eingespielten Kantaten-Lieferungen verfolgt hat, die jetzt mit BWV 62–79 fortgesetzt werden, der weiß, warum man Helmuth Rilling einen der größten Bach-Experten unserer Tage nennt. Selbst solches Lob genügt nicht, um die Neu-Einspielung seiner „Matthäus-Passion“ aus dem Jahre 1994 zu würdigen. Die Klarheit der religiös-musikalischen Aussage, die plastische, tiefgründige, jedoch nie triefend-romantisierende Textausdeutung, die Schlankheit der musikalischen Linienführung, die Phrasierungskunst, die traumwandlerisch sichere Homogenität, mit der Rillings Gächinger Kantoristen und Stuttgarter Bach-Collegiaten zu Werke gehen – diese zu Recht seit langem gefeierten Attribute von Rillings Bach-Interpretationen sind hier nochmals konzentriert zu erleben.
Als Glücksgriff erweist sich auch und gerade das Solistenquintett mit Michael Schade, dessen Evangelisten-Kunst geradezu ideal genannt werden kann. Und so wird Rillings Vergegenwärtigung dieses Menschheits-Erbes, das wie nur wenige andere christliche Kunstwerke alle kunstempfänglichen Bewohner dieses Planeten ergreift, zu einem Höhepunkt dieser „seiner“ Edition Bachakademie werden, mehr noch: sie hat Referenzcharakter.
Matthäus-Passion. Helmuth Rilling, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart.

Kantaten

Ebenfalls in die erste Bach-Reihe gehört Rillings neue „weltliche“ Lesung. Kann man sich in der Hochzeitskantate gleich fünffach an Sibylla Rubens glockenhellen Arien-Künsten delektieren, so amüsieren Thomas Quasthoffs fulminant anklagende Vater-Leiden ob der kaffeesüchtigen Tochter in der „Kaffee-Kantate“, die diesen schon damals so beliebten, „lasterhaften“ schwarzen Türkentrank anprangert – vergeblich: Weibliche List siegt auch hier über (langweilige) männliche Vernunft, was sicher auch Bach, Vater mehrerer Töchter, wusste.

Christoph Braun, 01.04.1999




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top