Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 5: Orchestersuiten

Oregon Bach Festival Orchestra, Helmuth Rilling

Hänssler/Naxos 92.132

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 5: Lateinische Kirchenmusik und Choralbuch

Thomas Quasthoff, Sibylla Rubens, Andreas Schmidt u.a., Gächinger Kantorei Stuttgart, Bach-Collegium Stuttgart, Franz Liszt Kammerorchester Budapest, Helmuth Rilling

Lat. Kirchenmusik (1): Hänssler/Naxos 92.071, Lat. Kirchenmusik (2): Hänssler/Naxos 92.072,
Ein Choralbuch für Bach (Passion): Hänssler/Naxos 92.079, Ein Choralbuch für Bach (Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatis): Hänssler/Naxos 92.080, Kantaten BWV 80 - 86: Hänssler/Naxos 92.026 + 92.027, BWV 91 - 96: Hänssler/Naxos 92.029 - 92.031

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 5: Goldberg-Variationen

Evgeny Koroliov

Hänssler/Naxos 92.112

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 5: Klavierwerke

Joseph Payne, Robert Hill

Hänssler/Naxos 92.137 (Payne), Hänssler/Naxos 92.103 (Hill)

Orchestersuiten

Aufregendes, Gefälliges, Langweiliges – die interpretatorische Palette der neuen Lieferung der „Edition Bachakademie“ ist breit gefächert. Das garantiert schon das unorthodoxe Editions-Prinzip des Nebeneinanders von Originalklang und „modernem“ Instrumentarium. Um bei letzterem anzufangen: Ausgerechnet Helmuth Rilling, der „Hausmeister“ der Edition, enttäuscht da mit den vier Orchestersuiten. In den Siebzigern hätten sie sicher noch großes Lob gefunden, heute aber erinnert das, was das Kammerorchester des Oregoner Bach-Festivals bietet, an die „verstaubte Perücke“, die einige „fortschrittliche“ Zeitgenossen in Bach sahen. Daran ändert auch manche feine Phrasierung und die virtuos aufspielende Flötistin Carol Wincenc in der h-Moll-Suite nichts. Allzu „korrekt“, ja hölzern-pedantisch betet Rilling das Metronom an, zudem oft in behäbigen Tempi.

Lateinische Kirchenmusik und Choralbuch

Dass Rilling auch anders kann und konnte, zeigen nicht nur seine Kantaten-Einspielungen – die Wiederauflage ist nun mit den Folgen 26–31, die bis BWV 99 reichen, zur Hälfte abgeschlossen –, auch die ersten beiden Einspielungen „Lateinischer Kirchenmusik“ mit den vier Lutherischen, nur aus Kyrie und Gloria bestehenden Missae breves zeigen Rilling at his best: mit schwungvollen Gächingern (wobei der tremolierend-unruhige Sopran allerdings nicht die homogene Qualität der drei anderen Chorstimmen aufweist) und solistischer Idealbesetzung, aus der Ingeborg Danz’ ausdrucksintensive Alt-Arien herausgehoben seien. Wenn auch nicht derart virtuos und technisch anspruchsvoll (immerhin war die h-Moll-Messe in ihrer Urgestalt ebenfalls eine solche Missa brevis), so doch nicht minder gehaltvoll, gestalten sich die beiden neuen Choral-Sammlungen vokaler und orgel-instrumentaler Art, die Rilling mit den Kollegen der Stuttgarter Bach- akademie, vor allem dem Organisten Gerhard Gnann, unter dem Titel „Choralbuch für Johann Sebastian“ vervollständigt hat: auf den Advents-Zyklus (Folge 78) folgen nun im Kirchenjahr die Sammlungen zur Passionszeit, zu Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten und Trinitatis.

Goldberg-Variationen

Wie Rilling so ist auch Jewgenij Koroliow kein „Authentischer“. Und doch (oder: deshalb?) sind seine auf dem modernen Flügel präsentierten „Goldberg-Variationen“ ein großes Ausrufungszeichen der Edition. Hundertprozentige Bewunderung mag ich dem fünfzigjährigen Moskauer, der seit Jahren zu Recht als einer der überragenden Bach-Interpreten gefeiert wird, für seine Neueinspielung nicht zollen, dafür erscheint mir sein Anschlag über weite Strecken zu hart und wenig variabel. Aber diese Detailbesessenheit, diese Triller, dieses phänomenale Durchleuchten der Strukturen! Wer begreifen will, warum die „Goldberg-Variationen“ ein musikhistorisch einzigartiger Zyklus sind – ein Kosmos äußerst unterschiedlicher Stilübungen, ein Wunderbau der Proportionen und nicht zuletzt ein Panoptikum äußerst gegensätzlicher Seelenlandschaften –, der hat in Koroliow den passenden Vermittler. Es gibt zweifellos virtuosere Einspielungen, aber die analytische und gehaltliche Dichte, die Koroliow zum Beispiel der 25. Variation, diesem einzigartigen Schmerzensgesang, angedeihen lässt, schlägt in ihren Bann.

Klavierwerke

Weniger spektakulär, dafür nicht minder wertvoll sind die beiden anderen Tasten-Kostproben. Während Robert Hill seine mustergültige Einspielung der Cembalomusik des jungen Bach vervollständigt, legt Joseph Payne das Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach vor. Liebenswert ist dieser Einblick in Bachs musikalisches Familienleben, die Sorgfalt, mit der der Papa dem Lieblingssohn Anleitungen zum Instrumentalspiel und zum ersten Komponieren gab, lässt einen staunen. Überdies sind diese scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten, die jeder Klavierschüler schon mal traktieren musste und von denen einige sich (in „erwachsener“ Gestalt) im „Wohltemperierten Klavier“ wieder finden, kurzweilig anzuhören – jedenfalls, wenn sie derart reizvoll im Klangwechsel von Cembalo, kleiner Orgel und „empfindsamen“ Clavichord präsentiert werden.

Christoph Braun, 01.05.1999




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