Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 6: Choralbücher

Gerhard Gnann, Gächinger Kantorei Stuttgart, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling

Hänssler/Naxos 92.081 (Deutsche Messe), Hänssler/Naxos 92.082 (Kleinere Feste, Psalmlieder)

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 6: Kantaten, Violinkonzerte

Christoph Poppen, Isabelle Faust, Gächinger Kantorei Stuttgart, Bach-Collegium Stuttgart u.a., Helmuth Rilling

Kantaten BWV 100 - 117: Hänssler/Naxos 92.032 – 92.037,
Violinenkonzerte: Hänssler/Naxos 92.125

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 6: Französische Suiten, Toccaten

Edward Aldwell, Peter Watchorn

Hänssler/Naxos 92.114 (Aldwell), Hänssler/Naxos 92.104 (Watchorn)

Johann Sebastian Bach

Edition Bachakademie Folge 6: Orgelwerke

Bine Katrine Bryndorf, Andrea Marcon

Hänssler/Naxos 92.096 (Bryndorf), Hänssler/Naxos 92.087 (Marcon)

Messe h-Moll

Im Allgemeinen zähle ich Mehrfach-Aufnahmen eines Werkes mit demselben Interpreten unter die großen Dekadenz-Krankheiten unseres Musikmarktes. Nicht so Helmuth Rillings dritte h-Moll-Messe. Für Hänsslers Bachedition hat Rilling die Handschriften und Partituren von Bachs katholischer, alle Messteile enthaltender „Missa tota“ nochmals akribisch studiert. Das Ergebnis ist phänomenal.
Derart detailgenau und gleichzeitig schlüssig im Gesamtkonzept, derart ausgefeilt in Tempo- und Dynamik-Wahl, derart luzide in der Linienführung und homogen, stimmlich ausgewogen im Chor wie im Solistenquintett habe ich diese Krönung barocker Sakralpolyfonie noch nicht gehört (allenfalls Thomas Hengelbrocks „authentische“, wenngleich virtuos mitunter überspitzte Freiburger Einspielung kann ihr an die Seite gestellt werden). Dass dabei die Deutung des liturgischen, so überaus ausdrucksreichen Textes Ziel und Endzweck künstlerischen Tuns bleibt und also die ursprüngliche, gottesdienstliche Intention Bachs nie aus den Augen verloren wird, ist Rillings eigentliches Verdienst. Vom Kyrie angefangen, das sich aus zurückhaltendem Flehen zu bohrend insistierenden Anrufungen verdichtet, über ein gleichermaßen prachtvoll wie atemberaubend frisch, schlank und federnd musiziertes Gloria bis zum verinnerlichten f-Moll-Agnus-Dei und der würdig und ergreifend präsentierten Friedens-Bitte des „Dona nobis pacem“: Rillings über die Jahrzehnte hinweg gereifte Missa-Exegese wird für lange Zeit Maßstab bleiben – da ist das einzige „aber“ eine Marginalie: die mitunter, gerade am Credo-Schluss, überdehnten Schluss-Ritardandi.

Choralbücher

Gegenüber diesem höchsten, sozusagen außergewöhnlichen Festtags-Niveau bietet die Edition auch einen Bach zum Mitsingen: Das achtteilige „Choralbuch für Johann Sebastian“ zeigt den gottesdienstlichen Alltag des Leipziger Kantors – mit über 180 Gemeindechorälen, Kirchenliedern, von denen Rillings Gächinger Kantorei im Wechsel mit Gerhard Gnann an der Orgel nun zwei weitere, thematisch der „Deutschen Messe“ und kleineren (Marien-)Festen des Kirchenjahres zugehörige Folgen präsentiert.

Kantaten, Violinkonzerte

Während Rillings Kantaten-Produktion der siebziger Jahre – die neue Lieferung enthält u. a. Bachs frühes Meisterwerk „Actus tragicus“ BWV 106 (Folge 34) - fast durchweg nach wie vor höchstes Lob verdient, gilt dies für seine Orchestereinspielungen nur ausnahmsweise. Diesmal gibt’s eine solche Ausnahme. Kommen die Brandenburgischen Konzerte und Ouvertüren noch wie biedere Hausmannskost daher, so geraten Rilling die Violinkonzerte zu Paradestücken barock-virtuoser „Concertare“-Kunst – mit einem unsentimental-schnörkellos aufspielenden Christoph Poppen als Solisten und Isabelle Faust als Partnerin im Doppelkonzert.

Französische Suiten, Toccaten

Als neue „Clavierübungen“ präsentiert Hänssler mit Edward Aldwells Französischen Suiten eine feingliedrige, im (Klavier-) Anschlag wunderbar perlend, geradezu duftig zu nennende Einspielung. Sie hebt weniger die Virtuosität als den mal verhaltenen, mal spielerisch-galanten Duktus dieser sublimierten Tänze heraus.
Auch Bachs Cembalo-Toccaten zeigen französischen Einfluss und Esprit und Peter Watchorn demonstriert auf mitreißende Art, welche überreiche Fantasie und Expressivität Bach diesen Genre-Stücken im so genannten „stylus phantasticus“ angedeihen ließ.

Orgelwerke

Demgegenüber nimmt sich Bine Katrine Bryndorfs Kompilation von kleineren Orgelwerken aus Bachs Weimarer, Köthener und Leipziger Zeit wie asketisches Trockenbrot aus, so zurückhaltend wird hier in Sachen Registerwahl und Tempo agiert. Gleichwohl: Bei entsprechend „innengeleiteter“ Gestimmtheit kann auch diese Bach-Sicht gefangen nehmen – nicht nur der bekannten, sorgfältigst ausgehörten Pastorella in F und den sieben Weihnachtschorälen BWV 696–704 wegen; im letzten von ihnen überrascht die junge Dänin auch wieder einmal mit dem aparten, ganz im Hintergrund klingelnden Glockenspiel (Folge 96).
Ihr italienischer, in Trossingen und Basel tätiger Kollege Andrea Marcon liebt demgegenüber vorwiegend den fulminanten, drängenden, impulsiven Ton. Das passt wohl auch zum Charakter zumindest einiger der von ihm eingespielten Jugend- und Studierwerke aus Bachs Lehr- und erster Organistenzeit in Ohrdruf, Lüneburg und Arnstadt (Folge 87).

Christoph Braun, 01.06.1999




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