Ein Messegelände war der Ort der Uraufführung: Die "Gruppen für drei Orchester" des damals neunundzwanzigjährigen Kölners Karlheinz Stockhausen waren in einem normalen Konzertsaal nicht zu realisieren. Wer damals dabei war, wusste jedoch, dass er nicht irgendeiner Monstrosität, sondern einem musikhistorischen Ereignis beigewohnt hatte. Einer der Anwesenden, der ungarische Komponist György Kurtág, drückte es so aus: "Wenn Dostojewski gesagt hat, die ganze russische Literatur komme aus dem 'Mantel' von Gogol, dann kommt die ganze Musik des 20. Jahrhunderts nach 1950 aus Stockhausens ‘Gruppen’".
Auch heute, da die Qualität zeitgenössischer Musik nicht mehr wie in den fünfziger und sechziger Jahren ausschließlich am sogenannten Materialstand gemessen wird, muss diese Komposition nach wie vor als Meisterwerk gelten. Freilich als eines, das es zu studieren gilt. Die ungeheure Komplexität der "Gruppen" ist wohl kaum je überboten worden, und Stockhausens Konzept der permanenten Überlagerung verschiedener Zeitschichten lässt sich nur mit der Partitur in der Hand erfassen. Die Lebendigkeit, ja Explosivität dieses Orchester-Tableaus erschließt sich jedoch auch dem Nicht-Gelehrten.
Die Qualität der Einspielung, mit der Claudio Abbado erneut seinen Ausnahmerang unter den "Star"-Dirigenten unterstreicht, ist hervorragend, und die Kopplung mit Orchesterwerken Kurtágs (Stele, Grabstein für Stephan) ist sehr aufschlussreich: Obwohl die Gruppen für Kurtág bei ihrer Uraufführung ein Initialerlebnis waren, könnte dessen dunkel-obsessive, konduktähnliche Musik vom eruptiven Stil Stockhausens kaum weiter entfernt sein.

Thomas Schulz, 01.12.1999



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