Richard Wagner

Tristan und Isolde

Birgit Nilsson, Fritz Uhl, Regina Resnik, Tom Krause, Arnold van Mill u.a., Wiener Singverein, Wiener Philharmoniker, Georg Solti

Decca 430 234-2
(1961) 4 CDs, Komponiert: 1856-59, Uraufführung: 1865 in München; ADD



Die Uraufführung verlief ungestörter und künstlerisch glücklicher, als es bei epochalen Werken sonst zu sein pflegt. Benommen das Unerhörte ahnend, reagierten Publikum und die Münchner Kritik, als am 20. Juni 1865 eines der folgenreichsten Musikstücke aller Zeiten uraufgeführt wurde, nachdem sein verzweifelter Komponist vorher in Wien und Karlsruhe vergeblich versucht hatte, es auf die Bühne zu bringen.
Wagner hatte sich bereits mit dem Mythos der Unaufführbarkeit abgefunden, der den "Tristan" umwehte, als er in Ludwig und Malvina Schnorr von Carolsfeld zwei überragende Sänger fand, die die Schwierigkeiten der Partien bewältigen konnten. Wagner war endlich glücklich. Doch nach drei Aufführungen holte ihn das Verhängnis ein: Sein Tristan-Sänger starb an einem plötzlichen Fieber. Daß es von der Überanstrengung der Partie hergerührt haben könnte, ist allerdings schon wieder eine Legende.
Der "Tristan" hat mächtig auf die europäische Kultur gewirkt. Für die Musiker war jene im berühmten Tristan-Akkord vorgeführte Auflösung aller Tonalität ein Wegweiser zu völlig neuen Ufern. Man fand die Schopenhauersche Philosophie der Verneinung des Willens ebenso umgesetzt wie die romantische Todessehnsucht eines Novalis. Unüberschaubar ist das geistesgeschichtliche Gewebe hinter diesem Werk. Während Wagners Gegner die narkotisierende Wirkung seiner Musik geißelten, erlagen ihr Thomas Mann ebenso wie Adolf Hitler, den es, wenn ihn die militärischen Niederlagen bedrückten, stets nach Isoldes Liebestod verlangte. Doch der "Tristan" hat sich eigenartig gegen diese Wirkungsgeschichte abgekapselt. Wer den zweiten Akt zum ersten Mal hört, wird ihm verfallen wie jeder Hörer seit hundertdreißig Jahren.
Die beste Einsteigeraufnahme stammt von Georg Solti. Birgit Nilsson und der wunderbar dunkel-baritonal gefärbte, heute zu Unrecht vergessene Fritz Uhl als Tristan bringen ein Maximum an unmittelbarer Erregung und psychologischer Ausleuchtung. Solti verliert sich nicht in Details. Er peitscht die grandiosen Wiener Philharmoniker durch das Werk und überhöht manchen Akzent geradezu fiebernd. Packender geht es kaum.
Ist man vertrauter mit dem Werk, dann geht kein Weg an Wilhelm Furtwänglers legendärer Aufnahme vorbei. Ob Kirsten Flagstads Isolde jemals übertroffen wird? Man hört hier den ganz jungen Fischer-Dieskau, der respektlos erzählte, wie sich die Flagstad-Isolde zwischen den Takes mit Handarbeiten bei Laune hielt. Wagner sagte selbstbewußt vom "Tristan", er habe hier die Kunst des Übergangs auf einen Gipfel geführt. Dahin ist Furtwängler ihm mit dem unschlagbar mitatmenden, mitfiebernden Philharmonia-Orchester gefolgt.

Matthias Kornemann




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top