Vom Paradies zum Sündenfall, vom unbewußt-unschuldigen Naturzustand zum schuldbeladenen Wissen, von weiblicher Ordnung und Moral zu männlicher Machtpolitik und Gewalt, vom Es-Dur-Zauber des Rheingoldes zum c-Moll-Fluch des schnöden Geldes und heraufziehenden Industriekapitalismus: Die mythologisch-theologischen, psychoanalytischen und soziologisch-zivilisationskritischen Deutungsdimensionen von Wagners "Ring des Nibelungen" scheinen so unergründlich wie disparat. Über allem aber offenbart sich das gigantomane "Bühnenfestspiel für drei Tage und einem Vorabend" als das Drama der konfliktvollen Ambivalenz schlechthin - in Wagners Worten: "ein Pfuhl von Schrecknissen und Hoheiten".
Ordnung ist brüchig, jedes strahlende Göttergehabe von Intrige und Mord begleitet, und auch die inbrünstigste Liebe Siegfrieds, des jungen Helden und Hoffnungsträgers, von Verrat und tragischer Verstrickung überdeckt. Wagner schuf - trotz der für alle Nicht-Wagnerianer zunächst skurril, ja komisch anmutenden Stabreim-Verse - das gewichtigste Drama, das die Bretter, die die Welt bedeuten, bislang gesehen haben (und für das Wagner sich sein eigenes Theater samt Publikum schuf).
Herbert von Karajans Einspielung der Jahre 1966-1969 trifft den Tonfall des Tragisch-Ernsten kongenial. Man mag Furtwänglers schwergewichtige EMI-Produktion der RAI von 1953 wie auch Soltis vitale Decca-Einspielung von 1958-1965, Böhms Bayreuther "Ring" von 1965 oder auch den "Jahrhundert-Ring" von Patrice Chereau/Pierre Boulez von 1976 in manchen Gesangspartien für glückvoller halten, Karajans Zugriff auf Wagners Opus maximum ist in jeder Sekunde zwingend - vor allem dank seinen phänomenalen Berliner Philharmonikern mit ihrem tiefschwarzen Blech, ihren sehrend-sehnenden Streichern und berückend schönen Holzbläsern.
Vom urgründig-mystischen, in sich ruhenden Es-Dur-Beginn bis zum abschließenden Motiv der Erlösungssehnsucht inmitten der alles vernichtenden Feuersbrunst: Karajan entlockt seinen Philharmonikern über vierzehn Stunden hinweg grandiose Spannungsbögen. Daß im orchestralen Überschwang des Riesenapparates gleichwohl kammermusikalisch durchsichtig Details und Nebenlinien hörbar werden, ist einer der großen Pluspunkte der Einspielung (der spätere süffig-fette "Karajan-Sound" war noch nicht geboren).
Die zentrale Wotan-Partie ist mit Dietrich Fischer-Dieskau und Thomas Stewart überragend besetzt, ebenso diejenige Brünnhildes, seiner Tochter-Geliebten, mit Helga Dernesch - im Unterschied zu Régine Crespins von Anstrengung nicht freier "Walküre". Auch Helge Brilioth und Jess Thomas müssen ihren Siegfried mitunter stemmen, wohingegen Gerhard Stolze seine Paraderolle des Loge/Mime hinreißend gestaltet. Durchweg Höchstnoten erhalten neben den Rheintöchtern auch Sieglinde (Gundula Janowitz) sowie Siegmund (Jon Vickers).
In den orchestralen Höhepunkten des Mammutprojekts, etwa im Walkürenritt oder dem Trauermarsch, scheint Karajan sozusagen bei sich selbst, seinem künstlerischen Wesenskern am nächsten: frenetisch in der Detailbesessenheit, bedingungslos im Ausdruckswillen.

Christoph Braun




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