Alban Berg

Klaviersonate op. 1

Glenn Gould

Sony SMK 52 661
(1958) ADD, mono



Alban Berg

Klaviersonate op. 1

Murray Perahia

Sony SX4K 63380
(1987) 4 CDs, DDD



Werke des Übergangs haben die Eigentümlichkeit, sich nicht bündig auf den Begriff bringen zu lassen - so auch Alban Bergs Klaviersonate op. 1. Zwar ist das Stück noch an die klassisch-romantische Tonalität gebunden, steht mehr oder weniger in B-Dur und gehorcht damit den selben Gesetzen des Zusammenklangs wie die Tradition von Bach bis Brahms. Aber zugleich wird es dermaßen von Chromatik, Dissonanz überwuchert, dass die Umrisse dieses Stücks nur ausgefuchster musikalischer Analyse zugänglich sind: ein Werk zwischen den Stühlen.
Derlei Uneindeutigkeiten können den Musikwissenschaftler natürlich nicht recht befriedigen. Für den Künstler hingegen bringt das Unentschiedene dieser Musik einen besonderen Reiz mit sich, lässt es ihm doch die Freiheit der eigenen Entscheidung. Und so fallen die Aufnahmen, die ich empfehlen möchte, denkbar unterschiedlich aus, je nachdem, in welche historische Schublade die Pianisten dieses großartige Stück legen möchten.
Glenn Gould hörte 1958 von hinten: Ihn interessierte nicht, woher dieses Stück kommt, sondern was es ausgelöst hat. Zwar singt er auch hier eifrig mit, doch sein Klavierklang atmet die intellektuelle Kühle der Wiener Schule: Berg war ja auch Mitschüler Weberns, nicht nur Erbe der Spätromantik. Der Hörer bekommt das Werk mit enormer Präzision auseinander buchstabiert, seinen Sinn aber muss er selbst suchen. Dass hier auch eine musikalische Form, ein energetischer Verlauf verhandelt wird, interessiert Gould nicht so sehr wie das Zerfasern des tonalen Zusammenhalts.
Murray Perahia stellt 1987 Bergs Geniestreich in den historischen Kontext der Jahrhundertwende: Dieser Berg hat sehr viel Wagner gehört, die Musik atmet die expressive Schwüle vor dem schrecklichen Gewitter des Ersten Weltkrieges. Auch Perahia durchleuchtet das dichte Gewebe der mäandernden Motivik, taucht es aber in ein milderes Licht als Gould, läßt höchstens mal eine Phrase leicht hervorglitzern, ohne je das Ganze aus dem Blick zu verlieren. Wo Gould analysiert, sucht Perahia die Synthese, die Rundung der Form.

Stefan Heßbrüggen




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