Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83

Artur Rubinstein, RCA-Victor-Sinfonieorchester, Josef Krips

RCA/BMG 09026 61442 2
(1958) ADD


Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83

Swjatoslaw Richter, Chicago Symphony Orchestra, Erich Leinsdorf

RCA/BMG 07863 56581 2
(1960) ADD


Warum kann man sich Brahms so schwer als bildungsbürgerlichen Kunstreisenden in Italien vorstellen? Und doch arbeitete er sich, mit Reiseführern schwer bepackt, von Kathedrale zu Kathedrale pilgernd, im Frühjahr 1881 bis nach Sizilien vor - mit seinem Freund, dem Chirurgen Billroth. Von dieser schönsten seiner acht Italienreisen brachte er Skizzen für ein neues Konzert mit. Die italienische Musik unterwegs wird ihn nicht abgelenkt haben, die fand Brahms nämlich „schauderhaft“. Doch wann immer ihm ein neues Werk zur Herzensangelegenheit wurde, schrieb er darüber in krampfig witzelndem Ton. Bei Wagner war es noch schlimmer, der machte Handstände auf der Bühne bei den „Parsifal“-Proben.
Das vierhändige Probespiel des neuen Klavierkonzertes - „ganz ein kleines Konzert“ nannte Brahms es - kündigte er Bülow gegenüber als „das lange Schrecknis“ an. Und in gewisser Weise war das B-Dur-Konzert auch ein „Schrecknis“. Mit seinem ersten Klavierkonzert hatte Brahms 1859 die furchtbarste Niederlage seiner Laufbahn erlebt, und er brauchte über zwanzig Jahre, um Mut für einen zweiten Anlauf zu fassen. Vielleicht gab ihm die Schönheit Italiens Sicherheit, dieses mächtigste aller romantischen Konzerte zu schaffen, das mit seinen Gebirgen von Sexten und Oktaven so extrem schwer zu spielen ist, dass der eigentlich zurückhaltende Alfred Brendel von „pianistischen Perversionen“ spricht. Mit seiner breiten, marmorhaft getürmten Größe hat das Werk - allzu selbstsicher vielleicht - die Zweifler verstummen lassen, doch man vermisst auch jene sehnsüchtige Wehmut, jenes fast intime Aroma, das Brahms´ Formkunst das Abweisende nimmt.
Es ist an einem Artur Rubinstein, all den Akkordmassen eine menschliche Stimme zu geben, die füllig-wärmsten Klänge zu formen, wie das nicht einmal Emil Gilels (mit Fritz Reiner) in meiner gestrichenen Lieblingsaufnahme konnte. Kraftvoll-gelassen erspielt sich Rubinstein dieses Werk, kann größte Wildheit im zweiten oder die schlendernde Lässigkeit im ungarischen Finale entfalten, ohne seine wahrhaft olympische Balance zu verlieren. Vielleicht hat er da den zum majestätischen Ebenmaß strebenden Wesenszug des Konzertes erspürt, den es den Kunstekstasen seines Schöpfers in Italien verdankt.
Swjatoslaw Richter sprengt mit wilder Attacke diese tönende Abgewogenheit. Er greift die Kadenzen des ersten Satzes mit kalter Wut an, gönnt sich kaum Pedalabsicherung bei den riesigen Sprüngen. Er will das Stück bezwingen. Erregend hörbar wird, wie gefordert, fast überfordert selbst ein Richter ist, sein Ziel einer schlanken, gar aggressiven Deutlichkeit hier zu erreichen. Die berühmten, aber überschätzten Versionen Maurizio Pollinis und Krystian Zimermans stehen in dieser Tradition, doch vom fesselnden Kampf Richters um letzte Klarheit ist bei ihrer allzu widerstandslosen Könnerschaft wenig übriggeblieben.

Matthias Kornemann




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