John Cage

Klavierkonzert

David Tudor, Merce Cunningham

Wergo/SMD WER 6247-2
(1958) AAD, mono, Liveaufnahme



John Cage

Klavierkonzert

David Tudor, Ensemble Modern, Ingo Metzmacher

Mode Records/Disco-Center 500 057
(1992) DDD, Liveaufnahme



Wenn man von dieser Komposition eine Aufnahme empfiehlt, empfiehlt man jeweils ein neues Stück. John Cages Klavierkonzert hat der Komponist selbst als "Work in progress" bezeichnet. Sein Werkkommentar: "Der Part des Pianisten ist ein ,Buch‘, das 84 unterschiedliche Kompositionsarten enthält, wovon einige Varianten ein und derselben Art, andere hingegen vollkommen voneinander verschieden sind. Dem Pianisten steht es frei, irgendwelche Teile seiner Wahl ganz oder teilweise und in beliebiger Reihenfolge zu realisieren. Die Orchesterbegleitung kann jede beliebige Anzahl von Spielern einer beliebigen Zahl von Instrumenten umfassen, und eine Aufführung kann beliebig lange dauern." Hatten die Schönberg-Nachfolger der "Seriellen Schule" jeden erdenklichen musikalischen Parameter exakt durchgeplant, so gab Cage der Moderne etwas zurück, was man vielleicht vermisst hatte, ohne es zu merken: Freiheit, Spontaneität. Ging er dabei zu weit?
Die Besucher der Uraufführung des "Konzerts" im Jahre 1958 glaubten das jedenfalls - weswegen es sich beim Mitschnitt der allerersten Version dieses verrückten Stücks mit David Tudor auf jeden Fall um ein kulturgeschichtliches Dokument ersten Ranges handelt. Wann hört man auf einer CD schon mal, wie ein Publikum selbst zum Teil der Aufführung wird, mit ungeniertem Lachen, schließlich mit einem rhythmischen Beifallsturm mitten im Stück versucht, die Musiker auf der Bühne aus dem Tritt zu bringen!
Wer sich hingegen den über dreißig Jahre später entstandenen Mitschnitt mit dem Ensemble Modern (und wiederum David Tudor am Klavier) anhört, der hört förmlich die intensive Konzentration des mucksmäuschenstillen Publikums mit. Eine Version, die nicht verstören will, sondern die heterogenen Klänge quasi mit geschlossenen Augen zu ertasten sucht.
Nachdem sich inzwischen in der Avantgarde der Pluralismus als einzig gültige Stilrichtung etabliert hat, sind wir vielleicht endlich selbst frei genug geworden, auch die musikalischen Qualitäten von Cages Schaffen zu entdecken. Er gibt einem unvoreingenommenen Hörer nämlich einen überaus interessanten Schlüssel zum Stück: "Ich wollte extreme Unterschiede, wie man sie in der Natur, beispielsweise in einem Wald oder in einer Straße inmitten einer Großstadt beisammen findet, zusammenbringen." Die mit Raffinesse organisierte Anarchie, die dem Hörer hier begegnet, soll ein genaues Abbild jenes Chaos sein, das uns tagtäglich umgibt - das wir nur deswegen nicht mehr wahrnehmen, weil wir gelernt haben, es zu vergessen.

Stefan Heßbrüggen




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