Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Berliner Philharmoniker, Günter Wand

RCA/BMG 74321 63244 2
(1998) DDD



Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Münchner Philharmoniker, Sergiu Celibidache

EMI 5 56699 2
(1995) 2 CDs, Liveaufnahme, DDD



"Dem lieben Gott gewidmet" - Bruckners mit scheinbarer Naivität gepaarte Religiosität, die sich in der Widmungsüberschrift der Neunten Sinfonie widerspiegelt, hat einer gebührenden Wahrnehmung seiner Musik und seiner Person lange im Wege gestanden. Sicher war es Bruckner ernst mit dieser Widmung, wollte er mit der Neunten eine Krönung seines Schaffens und auch ein letztes Glaubensbekenntnis ablegen.
Doch ausgerechnet in diesem letzten Werk schlägt Bruckner deutlich andere Töne an als vorher: Die Neunte präsentiert sich, trotz gleicher Architektonik, schroffer, kantiger, innerlich zerrissener als ihre Vorgängerinnen. Mehr als einmal streift Bruckner die Grenzen der Tonalität, am deutlichsten im siebentönigen Akkordgebilde des katastrophischen Höhepunkts kurz vor Ende des langsamen dritten Satzes. Und dann dieses unheimliche, seelenlose Gestampfe des zweiten Satzes. Ganz gleich, ob man diese Klänge nun als Totentanz oder als Vorahnung einer unmenschlichen Maschinenmusik deuten mag, mit einem herkömmlichen Scherzo oder gar der von Bruckner gern anverwandelnd zitierten österreichischen Folklore haben sie nichts mehr gemein. Weiter hat auch Mahler nicht in die Zukunft geblickt.
Die ohnehin lange Entstehungszeit der Neunten Sinfonie wurde durch verschiedene Bearbeitungen früherer Werke noch zusätzlich in die Länge gezogen, sodass Bruckner nur die ersten drei Sätze vollenden konnte. Von 1894 bis zu seinem Tode arbeitete er am Finale. Als er erkannte, dass er es nicht würde mehr fertig stellen können, bat er darum, nach dem dritten Satz das "Te Deum" als Abschluss zu spielen - eine Bitte, die heute fast nie befolgt wird. Auch mehrere Versuche, die Skizzen zum Finale zu einem vollständigen Satz zu rekonstruieren, waren durchweg nicht von Erfolg gekrönt, sodass die Neunte grundsätzlich als dreisätziges Werk aufgeführt wird.
Von den vielen Aufnahmen der Neunten gelingt es der mit Günter Wand und den Berliner Philharmonikern am überzeugendsten, die Tragik und Verzweiflung, von der diese Musik durchzogen ist, ihre zerklüfteten Spannungsbögen und gewalttätigen Steigerungen, zum Klingen zu bringen, ohne die übergeordnete Architektur zu vernachlässigen. Einen radikal anderen, doch nicht weniger faszinierenden Weg beschreitet Sergiu Celibidache in seiner ruhigen, epischen Interpretation, in der vielleicht das dramatische Element etwas zu kurz kommt, dafür jedoch die Binnenstrukturen der Musik so transparent werden wie in keiner anderen Einspielung.

Thomas Schulz




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