Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 8 c-Moll

Cleveland Orchestra, George Szell

Sony SK 53519
(1969) ADD



Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 8 c-Moll

NDR Sinfonieorchester, Günter Wand

RCA/BMG 09026 68047 2
(1993) DDD



1884, in Leipzig: Zum ersten Mal laufen die Hörer nicht in Scharen weg, während eine Bruckner-Sinfonie uraufgeführt wird (in diesem Fall: die Siebente). Glücklich notiert der notorisch komplexbeladene Bruckner, dass "zum Schluß eine Viertelstunde applaudiert wurde"! Und dann erst München, am 10. März 1885, Erstaufführung unter Hermann Levi: ein Triumph. Bruckner, auf Wolken schwebend, will die Erde aus den Angeln heben. Es kommt, wie’s vielleicht kommen muss - die tiefste Depression, die schwärzeste Verzweiflung. Am 19. September 1887 schickt Bruckner die erste Fassung seiner Achten Sinfonie, seiner raumgreifendsten, monumentalsten, an den göttergleichen Levi - und wird mit zum Teil rüder Schelte abgestraft. Er hat wieder einmal versagt!, denkt er. Und das, nachdem ihm die Welt doch schon zu gehören schien ...
Was macht Bruckner? Was er immer macht: eine neue Fassung. Vieles gelingt zwingender, anderes nicht; die mit vorauseilendem Gehorsam geradezu prokrusteshaft ins Finale eingefügten Kürzungen zerstören jedenfalls die ganze Architektur dieser Final-Sinfonie. Auftritt des Brucknerforschers Robert Haas, der in der Wiener Nationalbibliothek die Autografe einsieht und aus beiden Fassungen das (vermutlich) Beste in eins gießt: Diese Version dirigiert Günter Wand, sie scheint ihm die schlüssigste. George Szell in Cleveland wandte sich lieber an Leopold Nowak, den Nachfolger von Haas als Leiter der Nationalbibliothek. Aber hier ist nicht Raum noch Anlass, diese Fassungen-und-Editionen-Debatte wiederaufleben zu lassen: Es geht um zwei interpretatorisch gleichwertige, dennoch völlig verschiedene Aufnahmen (was mit dem Temperament der beiden Dirigenten mehr zu tun hat als mit der jeweiligen Edition).
Günter Wand entwickelt die Architektur dieses Werkes aus scheinbarer Gelassenheit, fast aus der Ruhe. Er trägt in einer von Altersweisheit durchleuchteten Struktur auch die katastrophischen Einbrüche sozusagen mit. Bei George Szell ist es genau umgekehrt. Wo bei Wand der Subtext, der "Unterton", eher beiläufig Zeichen gibt, steht bei Szell alles von Anfang an unter nervöser Spannung, drängt zur Entwicklung, fiebert. Das "Deutscher-Michel"-Scherzo ist ein Höllenritt! Bei Wand eher ein ins Düstere kippender Elfenreigen. Dieses alte Klischee von der "musikalischen Kathedrale" ... nachbauen können beide, Wand wie Szell, sie gleich gut. Nur scheint in Szells Kathedrale der Antichrist zu regieren, in Wands ein (immerhin) zweiflerischer Christ. Beides ist Bruckner.

Thomas Rübenacker




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