Peter Iljitsch Tschaikowski

Klavierkonzert Nr. 1

Swjatoslaw Richter, Wiener Symphoniker, Herbert von Karajan

Deutsche Grammophon 447 420-2
(1963)


Es gibt die "Klassik-Hits", etwa Griegs Klavierkonzert oder Rachmaninows Drittes Klavierkonzert, und es gibt ihn: den wirklichen Reisser, den "Hymnus der Klaviervirtuosen" - und der stammt von Tschaikowski. Das Bild vom Tastenlöwen, der mit dem eigenen Werkzeug wie mit dem Orchesterdompteur kämpft - hier fand und findet es Bestätigung wie sonst nirgends. Tschaikowski selbst sprach vom "Kampf zweier ebenbürtiger Kräfte", in dem der "kleine, unscheinbare, doch geistesstarke Gegner siegt, wenn der Pianist begabt ist".
Wladimir Horowitz nahm dies allzu wörtlich: bei seinem umjubelten Carnegie-Hall-Debüt am 12. Januar 1928 brauste er im Finale dem etwas gemächlich dirigierenden Thomas Beecham davon und erreichte etliche Sekunden vor diesem das Ziel! Fünfzehn Jahre später durfte er sich solche Eskapaden in dem denkwürdigen Kriegsanleihen-Konzert am selben Ort unter der Leitung seines Schwiegervaters Arturo Toscanini nicht mehr erlauben. Hier sind schlaggenau zwei wahrhaft ebenbürtige Kräfte am Werk: der in seiner Klarheit brillanteste Virtuose und der berüchtigtste Orchester-Zuchtmeister des Jahrhunderts. Sie inszenieren ein hinreißendes Duell, in dem nicht nur das Drängende und Donnernde, sondern auch das Lyrische und - im letzten Satz - das Skurrile im rhythmisch Sperrigen trefflich herausgearbeitet wird.
Was dieses Werk an Bravour und Rasanz enthält, das offenbart eine weitere Live-Einspielung. Martha Argerichs Virtuosität und kraftstrotzende Präzision machen Tschaikowskis Oktaven-Gedonner zu einem Fanal! Kyrill Kondraschin ließ sich nicht lumpen und stachelte die Bayerischen Rundfunker zu größter Hellhörigkeit und frenetischer Wucht an. Gegenüber diesem Nonplusultra an Kraft nehmen sich Swjatoslaw Richters und Karajans Tempi maßvoll aus. Gleichwohl gehört ihre Einspielung zur Spitze - ihrer scharfen Kontrastierung von Intimität und satter Klangpracht wegen.
Eher aus philologischen denn aus Gründen der Interpretation (die ist recht brav) sei schließlich auf die Urfassungs-Einspielung Andrej Hoteevs verwiesen. Üblicherweise greift man heute auf die postume, vom Tschaikowski-Schüler Siloti gekürzte und mit schnelleren Tempoangaben versehene Fassung zurück. Diese "echte" Version läßt dem Verhaltenen, Lyrischen mehr Raum als die spätere. Das ist zweifellos entdeckungswürdig, aber noch kein Grund, auf das kochende Blut der anderen Interpretationen zu verzichten, auch wenn diese auf der manipulierten Fassung beruhen.

Christoph Braun




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