Peter Iljitsch Tschaikowski

Violinkonzert D-Dur op. 35

Vadim Repin, London Symphony Orchestra, Emmanuel Krivine

Teldec/Warner Classics 4509-98537-2
(1994)



Peter Iljitsch Tschaikowski

Violinkonzert D-Dur op. 35

Nathan Milstein, Wiener Philharmoniker, Claudio Abbado

Deutsche Grammophon 419 067-2
(1973) Komponiert: 1878, Uraufführung: 1881 in Wien; ADD



Peter Iljitsch Tschaikowski

Violinkonzert D-Dur op. 35

Jascha Heifetz, Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner

RCA/BMG 09026 61495-2
(1957)



Tschaikowski sei durch den Verriss des Wiener Kritikers Eduard Hanslick zur Uraufführung des Violinkonzertes so getroffen worden, dass er sie sein Leben lang auswendig habe hersagen können. Es werde nicht mehr Violine gespielt, sondern "Violine gezaust, gerissen, gebläut"; das Konzert "bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört".
Es ist nicht mehr zu verstehen, dass dieses Konzert einen Kritiker vom Format Hanslicks so auf die Barrikaden bringen konnte. Die Schallplattengeschichte hat uns eine Reihe von Interpretationen überliefert, die einen Widerschein des kraftvoll-derben, undomestizierten, folkloristischen Idioms bewahrt hat. Bei den meisten heutigen Aufnahmen würde Hanslick beklagen, dass die "Violine nicht mehr gezaust, nicht mehr gerissen, nicht mehr gebläut" wird.
Von den jüngeren Geigern hat mich Vadim Repin am meisten überzeugt. Seine Erzählqualitäten und sein überschäumendes Temperament zwingen, vor dem Hintergrund unabdingbarer Perfektion, zum Zuhören. Verglichen mit vielen hochglanzversiegelten Serienprodukten öffnen Repin und Krivine Tür und Tor.
Bei den Altmeistern Jascha Heifetz und Fritz Reiner bleibt einem die Spuke weg. Heifetz‘ Virtuosität war nie eine Frage purer Perfektion, sondern Voraussetzung zur Ausbreitung von Raffinement, Rhetorik, agogischem Reichtum, Glanzlichtern, aberwitzig erscheinenden Bravourleistungen. David Oistrach meinte, es gebe viele gute Geiger - und Heifetz! Mit ihm und Reiner in der Manege ist man keine Sekunde sicher, ob der Tiger oder der Dompteur das Sagen hat. Reiner, der durch Blicke nahezu hypnotisch leiten und drohen konnte, lässt Heifetz keine Sekunde entrinnen. Bei jedem Ausbruchsversuch ist er mit dem Orchester bereits zur Stelle. Dieser Zustand des Zum-Zerreißen-gespannt-Seins kann musikalisch nicht deutlicher umgesetzt werden.
Nathan Milstein und Claudio Abbado schaukeln sich in der Absicht, die Wirkungen des Konzertes zu entfalten, hörbar aneinander hoch und beeindrucken damit ähnlich intensiv. Mit den Wiener Philharmonikern macht Abbado musikalische Aktionen und Reaktionen erlebbar. Im Finale wird "gezaust, gerissen, gebläut", wird ein musikalisches Szenarium in seinen Wirkungen veristisch nachgestellt.

Wolfgang Wendel




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