Georg Philipp Telemann

Tafelmusik

Konrad Hünteler, Camerata des 18. Jahrhunderts

MDG/Codaex 3110580-2
(1992, 1993) 3 CDs, Komponiert: vor 1733, Uraufführung: Datum unbekannt; DDD



Georg Philipp Telemann

Tafelmusik

Reinhard Goebel, Musica Antiqua Köln

Archiv Produktion 427 619-2
(1988) 4 CDs, Komponiert: vor 1733, Uraufführung: Datum unbekannt; DDD



War Mozart klüger als Beethoven? Nun, er brachte es häufig fertig, seine Stücke im Kopf fertig zu komponieren, anstatt lange - wie Beethoven - in Skizzenbüchern herumzuradieren. Oder ist Beethoven klüger als Mozart, dieser gedankenlose Vielschreiber, der bloß seiner Intuition vertraute?! Müßige Fragen? Ja, aber warum kommt dann Georg Philipp Telemann in der Musikgeschichte so schlecht weg, bloß weil er gar so produktiv war? “Ganz nett”, so lautet wohl das Etikett am verkannten Genie, erst recht, wenn man Bach neben ihn hält. Aber das ist unfair angesichts seiner musikhistorischen Leistung: Telemann verband die französische und die italienische Ausprägung des Barock derart geschmeidig, dass er die Musik im Übergang vom Spätbarock zur Wiener Klassik maßgeblich prägte.
Und dass er - anders als mancher seiner Zeitgenossen - auch ein tüchtiger Vermarkter seiner eigenen Leistung war, kann man ihm schlecht zum Vorwurf machen. Die acht Reichstaler, die die zweihundert “Pränumeranden” vor Erscheinen der “Tafelmusik” zu bezahlen hatten, waren schließlich gut angelegt: Ein gewisser “Hendel, Docteur en Musique, Londres”, niemand anders als Georg Friedrich Händel also, hat dort sogar den einen oder anderen Einfall fürs eigene Komponieren abgestaubt.
Der Titel “Tafelmusik” der 1733 in drei Teilen gedruckten Sammlung von Kammermusik und Orchestersuiten ist ein wenig irreführend. Denn Fürsten mit Kapellen, die zur Tafel aufspielten, gab es zu dieser Zeit nicht mehr so viele. Zielgruppe war vielmehr das aufstrebende Bürgertum der Zeit, das durch den vornehmen Titel ein wenig Honig um den Bart geschmiert bekam. Wir Bürgerlichen heute haben die Wahl zwischen zwei Kapellmeistern mit verschiedenem “gout”, dem Münsteraner Flötisten Konrad Hünteler und dem Kölner Geiger Reinhard Goebel und ihren Ensembles: der Camerata des 18. Jahrhunderts und der Musica antiqua Köln.
Was einem hier mundet und was schwer im Magen liegt, ist wirklich eine Frage des Geschmacks. Goebel bleibt auch hier seinem Standardrezept treu, jede Phrase mit viel Spannung auszuspielen, gerät dabei natürlich immer in Gefahr, auch Unwichtiges überzubetonen. Hünteler setzt auf ausgewogene Kost, entdeckt manches Charakteristische wie in der wiegenden “Bergerie”, einer Hirtenszene aus der dritten Ouvertüre. Aber hat man Goebels straffe Tempi und sein Feuer im Ohr, lässt die Camerata es sich vielleicht manchmal mit Telemann ein wenig zu gut gehen. Dafür spielen sie in den Kammermusiken, den Quatuors und Trios, homogener.
Und wie geht das direkte Duell am jeweils eigenen Instrument aus? Im Solo für Geige und der Sonate für Querflöte präsentieren sich beide als Meister ihres Fachs. Dass Telemann ein kluger Kopf und ein brillanter Musikus war, bei dem man sich keine Sekunde langweilt, kann man jedenfalls auf beiden Aufnahmen erfahren. Und das ist die Hauptsache.

Stefan Heßbrüggen




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