Igor Strawinski

Violinkonzert in D

Isaac Stern, Columbia Symphony Orchestra, Igor Strawinski

Sony CD 46 505
(ca. 1961) Komponiert: 1931, Uraufführung: 1931 in Berlin; ADD



Igor Strawinski

Violinkonzert in D

Frank Peter Zimmermann, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Gianluigi Gelmetti

EMI 7 54248 2
(1990) Komponiert: 1931, Uraufführung: 1931 in Berlin; DDD



Igor Strawinski

Violinkonzert in D

Itzhak Perlman, Chicago Symphony Orchestra, Daniel Barenboim

Teldec/Warner Classics 4509-98255-2
(1994) Komponiert: 1931, Uraufführung: 1931 in Berlin; DDD, Live-Aufnahme



"Ich zögerte zunächst, weil ich selber kein Geiger bin, und fürchtete, dass meine geringen Kenntnisse zu diesem Instrument nicht genügen würden, um die vielen Probleme zu lösen, die sich im Verlauf der Arbeit an einem größeren Werk speziell für Violine ergeben", sagte Strawinski über sein Violinkonzert. Der um Rat gebetene Hindemith meinte, die Unerfahrenheit könne sich geradezu als Segen erweisen, da sie möglicherweise musikalische Ideen freisetze, die nicht von der vertrauten Bewegung der Finger herrühre.
Der Geiger Samuel Dushkin, für den das Werk bestellt war, war für Fragen stets offen. Strawinski verstand sich mit ihm so gut, dass er ihn auch in die Komposition weiterer Violinwerke einband und verlangte: "Ich will, dass das nach Geige stinkt!" Strawinski legte einen dreistimmigen Akkord vor (von d‘ bis a‘‘‘), dessen Spielbarkeit der Geiger bestätigte. So wurde der Akkord zum "passport" für jeden der vier Sätze des Konzertes. Unüberhörbar sind Anspielungen an Musik des 18. Jahrhunderts, namentlich Bachs Doppelkonzert, aber auch an alte Italiener. Wie in Strawinskis "Suite italienne" scheinen Figuren aus der Commedia dell’arte das Konzert zu bevölkern.
Die Einspielung durch Isaac Stern und Igor Strawinski - Jahrzehnte als Modell-Interpretation geltend - büßte nichts von ihrer Spannkraft ein und zeigt besonders Sterns Powerplay und geigerische Souveränität, durch die er seine Stellung innerhalb der Phalanx westlicher Geiger ein Geigerleben lang hielt. Trotz des Komponisten am Pult wurden die Schwerpunkte des Konzerts durch die starke Herausstellung der Geige - mit kräftiger Mitwirkung der Aufnahmetechnik - deutlich in Richtung eines Virtuosen-Konzertes alten Schlages verschoben. Man erfährt über Stern wenigstens soviel wie über Strawinski.
Gianluigi Gelmetti und Frank-Peter Zimmermann setzen die Italianità-Komponenten am greifbarsten um; sie rufen bei mir seit dem ersten Hören durch Witz, Parodie, Gestelztheit, Frechheit, Artistik, Klangfarben und auch an Schattentheater erinnernde konturenscharfe Stilisierung unaufhörlich Assoziationen zu Figuren wie Arlecchino, Pulcinella, Colombina oder Pantalone wach.
Itzhak Perlman und Daniel Barenboim setzen ebenfalls auf diese Elemente – und erreichen ein völlig anders geartetes Bild. Sie scheinen alle Traditionshemmnisse abgestreift zu haben und bieten - mit Verlaub gesagt - rotzfreches, mitreißendes Musiktheater. Mag man bei Gelmetti/Zimmermann Doppelbödigkeit, Hintergründigkeit, Mehrdeutigkeit und Spiel mit dem Spiel erleben, scheinen Perlman und Barenboim die Akteure unmittelbar zu personifizieren.

Wolfgang Wendel




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top