Robert Schumann

Sinfonische Etüden op. 13

Alfred Cortot

Piano Library/Klassik-Center Kassel PL 259.261
(1929) 3 CDs, Komponiert: 1834, Uraufführung: Datum unbekannt; ADD, mono



Robert Schumann

Sinfonische Etüden op. 13

Wilhelm Kempff

DG 447 977-2
(1956) Komponiert: 1834, Uraufführung: Datum unbekannt; ADD, mono, 1956



Ich gehöre nicht zu jener besonderen Spezies von Musikkonsumenten, denen erst beim schellacktypischen Rauschpegel ein wohliger Schauer den Rücken hinunterläuft und die einen gerne mit geheimnisvollen Namen konfrontieren, die Otto Normalhörer im Leben selten je zu Ohren gekommen sind. Aber manchmal haben die Konservativen einfach recht: Schumann zum Beispiel wird heute im allgemeinen nicht mehr so gespielt, wie es sich gehört. Die stillschweigenden Übereinkünfte, Schultraditionen, auf die Musiker sich verlassen müssen, um aus schwarzen Notenköpfen lebendige Kunst entstehen zu lassen, sie sind bezogen auf die Finessen des Schumannschen Klaviersatzes verloren gegangen.
Und gerade bei Schumann ist dies fatal, lebt seine Klaviermusik doch vom quasi improvisatorischen Gestus, der durch die komplizierte Notation etwa der metrischen Zusammenhänge nur annähernd eingefangen werden kann: Florestans Genius in das starre Gehäuse von Taktstrichen zu zwängen, kann nicht gut gehen. Begriffen, was uns Heutigen entgangen ist, habe ich erst, als mir die Schumann-Interpretationen Alfred Cortots begegnet sind.
Bei Cortot habe ich erst verstanden, was an diesen Variationen eines (von Schumann selbst in die Nähe eines Trauermarsches gerückten) Themas sinfonisch sein soll: Donnern sollen sie gar nicht, wie das heutige Pianisten meistens denken (auch Kissin, auch Kissin, meine Damen!), sondern sich majestätisch verströmen. Bei Cortot fließt die Musik kaum einen Takt im wirklich gleichen Tempo, doch jeder Stau, jede Dehnung wird durch eine korrespondierende Beschleunigung beantwortet, er verliert nie den Puls (anders als Kissin ...). Dazu ein Klavierton, dessen sinnliche Vollkommenheit nur mit der eines wirklich hochklassigen Rotweins oder einer exzellenten Zigarre zu vergleichen ist, bekanntlich Schumanns Lieblingsdrogen.
Wem die 1929 entstandenen Aufnahmen Cortots klanglich wirklich nicht genügen mögen, dem kann ich höchstens noch die sehr viel asketischere (böse Zungen mögen meinen, dürrere) Deutung Wilhelm Kempffs ans Herz legen, entstanden 1956, also vermutlich schon Vinyl, aber immer noch mono. 1972 hat Kempff es siebenundsiebzigjährig noch mal in Stereo probiert, aber da schon ohne die poetische Kraft der früheren Version. Und digital? Gibt es Kissin ...

Stefan Heßbrüggen




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