Franz Schubert

Klaviersonate A-Dur D 959

Hans Leygraf

Caprice/Klassik-Center CAP 21444
(1990) Komponiert: September 1828, Uraufführung: Datum unbekannt



Franz Schubert

Klaviersonate A-Dur D 959

Artur Schnabel

EMI 7 64259 2
(1937) 2 CDs, Komponiert: September 1828, Uraufführung: Datum unbekannt; mono



Oft denkt man: dies Stück kenne ich doch, welche Interpretation könnte mich hier noch ganz aufrütteln? So ging es mir mit der "großen" A-Dur-Sonate. Ausgesprochen selbstsicher, fast konventionell beginnt sie, wirkt weniger rätselhaft oder beunruhigend getrieben als ihre beiden Schwesterwerke D 958 und 960. Darum sprechen die Rezensenten gern vom Andante, weil sein rascher Mittelteil so schrecklich wütet (wie Schubert da "Hörkonventionen" sprengte ...). Dieser Krater im Andante ist immerhin ein Versprechen, daß auch hier zerstörerische, todestrunkene Kräfte am Werke sind, wie man sie erwartet in Schuberts Todesjahr.
Aber sonst ist dies doch eine distanziertere, vielleicht "unbiographischere" Musik. Dachte ich. Als ich 1987 in Leningrad ins Konzert ging - was sollte man in einer eisigen Nacht auch sonst dort unternehmen -, war ich gleich doppelt enttäuscht, weil kein berühmter Russe, sondern ein mir unbekannter Schwede namens Hans Leygraf spielte, und weil er von den späten drei hier diese A-Dur-Sonate auf sein Programm gesetzt hatte. Als ich zwei Stunden später wieder draußen in der Kälte stand, war ich hingerissen von dem Schweden. Und wieviel mehr Rätsel die A-Dur-Sonate, die ich zu kennen meinte, doch aufgibt!
Seit 1994 gibt es eine wunderbare 3 CD-Box, in der der als Pädagoge legendäre Leygraf die Schubert-Erfahrungen seines langen Pianistenlebens weitergibt. Und macht man sich die Mühe, in Leygrafs etwas spröde Klangwelt hineinzuhorchen, darf man ihre Durchgeistigung wohl mit Brendel vergleichen. Wie er etwa das lange, lange Finale der Sonate enträtselt, ist ein Meisterstück pianistischer Erzählkunst. Er verliebt sich nicht in das herrliche Thema wie fast alle, nein, er spielt es zügig und etwas grob. Man möchte sich schon ärgern, wie holzig er doch ist (ja die No-name-Pianisten!). Aber nach der ersten energischen Episode, wenn das Thema wiederkehrt, ist man geradezu erschrocken, wie zitternd und blaß es geworden ist. Und nach dem zentralen Moll-Couplet kommt es noch fragiler. Das kann nicht gutgehen, es muß zerbrechen, und genau das geschieht am Ende in einer Folge abgründiger Pausen.
Und bei Leygraf begreift man: So ein Zerbrechen bewegt uns nur, wenn man das Thema zuvor als eine ganz lebendige Person kennengelernt hat. Schon im ersten Satz gelingt es Leygraf zu zeigen, wie das Thema, pompös wie ein wuchtiger Torbau, am Ende porös wird und im Pianissimo zerflattert. Er erzählt uns die unheimliche Geschichte, wie Schubert die ganze Sonaten-Formkunst, während er sie sich erwirbt, unter seinen rastlosen Händen auflöst. Fast jeder Takt hat so etwas zu berichten in diesen herrlichen Schubert-Aufnahmen.
Auch die wunderbar glutvolle Version Arthur Schnabels verdient eine dringende Empfehlung. Man ist ja immer etwas bang, wie analytisch Schnabel sein Spiel sah, doch was man dann hört, ist so vital und weitab von all den artistisch-intellektuellen Schönheitsfeiern, die man heute gern mit dieser Sonate anstellt.

Matthias Kornemann




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