Maurice Ravel

Boléro

City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle

EMI 5 69830 2
(1992) Komponiert: 1928, Uraufführung: 1928 in Paris



Maurice Ravel

Boléro

Berliner Philharmoniker, Pierre Boulez

DG 439 859-2
(1993) Komponiert: 1928, Uraufführung: 1928 in Paris



"Hilfe! Ein Verrückter!" soll eine Dame mittleren Alters ausgerufen haben, als sie aus der Uraufführung von Ravels "Boléro" rannte. Trockene Entgegnung des Komponisten: "Die hat mich verstanden." Ob Anekdote, ob Legende, man kann es beiden nachfühlen, denn tatsächlich wagte Ravel sich weiter vor als je: Er schleust lediglich ein immergleiches Ostinato im Boléro-Rhythmus mit sechzehn Takten Melodie durch alle möglichen (und manche nahe-unmöglichen) Orchester-Klangfarben, steigert dabei die Lautstärke, aber nicht das Tempo, und lässt das alles explosiv/eruptiv/orgiastisch (oder wie immer) enden - sonst könnte es wohl ewig so weitergehen. Diese Art Schlusskatastrophe kehrt bei Ravel immer wieder: Der Liebhaber mechanischen Spielzeugs und raffiniert "mechanisierter" Musik kann seine Maschinchen oft nur noch anhalten, indem er sie in die Luft jagt.
Der Komponist selbst dirigierte, in einer antiken Aufnahme mit dem Orchestre Lamoureux, den "Boléro" gnadenlos langsam, noch langsamer als die in der Partitur vorgeschriebenen 72 Viertel/Minute, außerdem stur (wenn auch nicht "eisern") im Tempo bis Schluss. Nur so entsteht die Sogwirkung, jede Beschleunigung hin zum Ende verrät die laszive Hypnotik an ein läppisches "Kinder, jetzt geht’s los!".
Der langsamste, also Ravel nächste Dirigent ist Simon Rattle mit 16:15 Minuten Spielzeit, ohne Accelerando, eine faszinierende Aufnahme, auch wenn sie ein wenig den orchestralen Glamour vermissen lässt, der hier ebenfalls eine Rolle spielt. Ebenfalls einen wesentlichen Aspekt des Werkes, seine bewusst eingesetzte Kälte (neben der Hitze der Suggestion), fand Pierre Boulez, der mit den Berliner Philharmonikern auch das kalte Glitzern natürlich spielend realisieren konnte.

Thomas Rübenacker




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