Schon das Thema spricht eigentlich gegen die Callas. Denn die "Scènes de la Bohème" Henry Murgers, die Puccinis Werk und dessen Librettisten-Bearbeitung zugrunde liegen, zeichnen zwar das verführerische Bild vom freien, ungebundenen Hier und Heute, dem sich die jungen Künstler im Pariser Quartier Latin hingeben, hinter dem Klischee aber verbirgt sich die nackte Not und Sorge ums tägliche Überleben - das, was der Kritiker Eduard Hanslick verächtlich die "niedrigsten Regionen der Alltagsmisere" nannte. Mit ihnen habe Puccini in seinem vierten Bühnenwerk den letzten "Schritt zur nackten prosaischen Liederlichkeit" gemacht.
Die Callas aber war weder als pummelig-junges Mädchen noch als hochgeschossen-stolze Primadonna assoluta geeignet für die schwindsüchtige, dem Tode geweihte, scheue und rechtschaffene Blumenstickerin Mimi; und vielleicht lag es daran, dass sie diese Rolle nie auf der Bühne sang. Um so frappierender ist ihre Studio-Vergegenwärtigung unter Antonio Votto: die traurige Zärtlichkeit, die Leidensfähigkeit - diese Mimi-Züge sind der ungemein wandlungsfähigen Stimme der Callas ebenso vertraut wie die starke, hoffnungsvolle Liebesglut. Vor allem betört ihr unvergleichliches "Portamento", dieses zarte Hinübergleiten von einem Ton zum anderen, und ihr "Morendo", dieses ins Pianissimo Aushauchen - Kunstgriffe, die jeden Belcanto-Fan in Verzückung versetzen.
Nicht minder beherrscht ihr Scala-Partner di Stefano in der Rolle des mittellosen Rodolfo das grandiose Espressivo. Suggestiver als von ihm ist die Schluß- und Sterbeszene noch nicht gestaltet worden. Sein phänomenal strahlender Tenor ist zwar 1956 nicht mehr frei von Verschleißerscheinungen (der Ton-Ansatz ist rauher, das Diminuendo bricht eher ab und ist nicht mehr so betörend wie früher), das hohe C aber, das er zusammen mit seiner angebeteten Mimi gegen Ende des ersten Aufzuges der Welt bekundet, macht noch immer süchtig.
Allenfalls der herrisch auftrumpfende Pavarotti erklomm es in der Aufnahme mit Herbert von Karajan ähnlich souverän. In Sachen Stimmumfang konnte Mirella Freni, seine Partnerin, dem Callas-Schatten durchaus entkommen, nicht aber in den Espressivo-Nuancen. Noch mehr als Antonio Votto ergeht sich Karajan in gravitätischem Schmelz und Legato-Trunkenheit; gleichwohl bleibt Vottos Produktion, auch in den Nebenrollen, eine der hinreißendsten Bohème-Präsentationen. An keinem Opernfan, auch an keinem bornierten Anti-Puccinisten, der die Hollywood-Vorausnahmen Puccinis verachtet, sollte sie spurlos vorübergehen.

Christoph Braun




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