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Johannes Brahms

Die Streichsextette

Nash Ensemble

Onyx/Codaex ONYX 4019
(77 Min., 12/2006) 1 CD

Brahms, der verstandesbestimmte Musikarchitekt und -konstrukteur – Brahms, der still gefühlsbeherrschte Schwärmer und Schwelger mit starkem Hang zum intensiven kompositorischen Verarbeiten außermusikalischer Aspekte. Jene Brahms-Spezialisten, die dem scheinbar so nordisch Kühlen gern die tiefe Verwurzelung in romantisch-poetischer Kunstauffassung absprechen möchten, müssen sich mit der Janusköpfigkeit des verschlossenen, menschlich schwierigen Meisters abfinden. So sind es ganz deutlich seine beklagenswerten Bindungsschwierigkeiten und ihre emotionalen Folgen, die sich weit ins Material und in die Genese seiner beiden Streichsextette hinein verfolgen lassen: Besonders deutlich tönt etwa der Name "Agathe", vertreten durch die Tonfolge A-G-A-H-E, an prominenter Position aus dem ersten Satz des zweiten Sextetts heraus; Brahms hielt einst um eine gewisse Agathe Siebold an, löste die Verbindung aber zum Unglück beider bald wieder. Im Hintergrund stand außerdem stets auch Clara Schumann, die er liebte wie sie ihn, aber auch nach Robert Schumanns Tod nicht wirklich an sich herankommen ließ.
Die Fülle der Emotionalität, die in den Sextetten u. a. durch die Satzdichte und die Steigerung der klanglichen Wärme mittels des zweiten Cellos gesteigert wird, nimmt der Hörer in jedem Takt dieser wundervollen Kammermusikwerke wahr; der Nachvollzug der Raffinesse ihrer Konstruktion setzt ein genaues Partiturstudium voraus, denn Brahms trägt seine kompositorischen Kunstgriffe nicht auf dem Silbertablett vor sich her – dafür wären sie auch viel zu komplex. Allerdings trägt eine auch von strukturellem Wissen geprägte Darbietung der Stücke, die die Struktur durchscheinen lässt, ohne dabei den Klang zu vernachlässigen, zu einem möglichst umfassenden und vielschichtigen Mitvollzug dieser unerhört kompakten Musik bei. Solches bietet das hervorragende, inzwischen lang bewährte "Nash Ensemble" in seiner gelungenen, mitreißenden Einspielung der beiden Sextette, die jedem Liebhaber der Brahms’schen Kammermusik empfohlen sei – eine willkommene Bereicherung der Brahms-Diskografie.

Michael Wersin, 16.11.2007



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