Zwei Falstaff-Interpretationen, zwei Interpretengenerationen – zweimal Höhen und Tiefen, Freuden und gelegentliche Ärgernisse dicht nebeneinander. In der Produktion aus dem königlichen Opernhaus in Covent Garden erleben wir eine mittlerweile weitgehend ab- bzw. zumindest in den Hintergrund getretene Sängerriege in recht guter Form: Renato Bruson gibt einen guten Falstaff ab, schauspielerisch recht gewandt und stimmlich vor allem in der oberen Lage präsent. Leider mangelt es ihm an Kernigkeit im unteren Bereich, hier verblasst seine Stimme bzw. wird mit Druck betrieben, was unfrei macht. Barbara Hendricks präsentiert sich hier als Traum-Nannetta mit ebenmäßig geführter, immer wieder zu großem Glanz erblühender Mädchenstimme; Dalmacio Gonzalez kann als nicht ausgesprochen brillanter, aber doch mehr als solider Fenton mithalten.
Kurzer Schwenk zum Teatro Verdi in Busseto: Hier widmete sich im Jahre 2001 eine jüngere Sängercrew unter Leitung von Riccardo Muti der letzten Oper Verdis. Die Lichtgestalt in dieser Produktion heißt Juan Diego Flórez: Er versteht als Fenton wirklich Furore zu machen, seine Stimme strahlt auch in Ensemblenummern mittels ihres metallisch-klaren Timbres aus dem Gesamtklang hervor. Neben ihm verärgert Inva Mula als Nannetta mit allzu viel Vibrato: Muss ein junges Mädchen so scheppern? In der Titelpartie ist hier Ambrogio Maestri zu hörern, ein Newcomer, zum Zeitpunkt der Aufführung gerade 31 Jahre alt. Kein Stimmprotz, fürwahr, obwohl er auch zuzupacken versteht; aber sein Falstaff (die Regie hat ihn durch eine charakteristische Frisur und entsprechende Kleidung zum Clown gemacht) lebt besonders im ersten Akt vielmehr von feinsinnig-süffisanter, selbstzufriedener Freude an der vermeintlichen eigenen Souveränität – dieser Wesenszug, von Maestri differenziert über die Bühne gebracht, überzeugt den Zuschauer durchaus. Er bekommt im zweiten Akt Besuch von einer Mistress Quickly namens Bernadette Manca di Nissa, die ihre Altstimme wirklich im Griff hat: Kein peinliches Gedrücke bei den "Reverenza"-Verbeugungen, sondern satte, dunkle Farben aus vollen Rohren – dazu eine darstellerische Flexibilität, die gerade diese Szene zu einer exquisiten Freude macht, mit Maestris Falstaff als ebenbürtigem Darstellerpartner.
Schwenk zurück nach London ins Jahr 1982: Hier steht Carlo Maria Giulini am Pult, äußerlich noch nicht vergreist, aber wie er die Damenbesetzung bei ihrem Auftritt im ersten Akt durch sein Schneckentempo ausbremst, vermag schon zu verärgern: Wie soll das von Verdi so charakteristisch in Musik gesetzte Geschnatter auf diese Weise zur Geltung kommen? Die Sängerinnen, unter ihnen Katia Ricciarelli als damals durchaus passable Alice Ford, haben hörbar ihre Mühe. Eine eindeutige Stärke dieser Aufführung sind im Übrigen die beiden Diener Falstaffs, Bardolfo (Francis Egerton) und Pistola (William Wildermann), von der Regie hervorragend geführt und durch eigenes komisches Können zu Höchstleistungen befeuert.
Welche der beiden Produktionen wäre nun vorzuziehen? Schwer zu sagen: Unterm Strich haben beide ihre Höhen und Tiefen. In beiden Aufführungen gibt es eine Menge Sehenswertes, das ist sicher, aber vollauf zu befriedigen vermag weder die eine noch die andere.

Michael Wersin, 01.02.2008




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