Frédéric Chopin

Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 35

Vladimir Horowitz

Sony 42412
(1962) Komponiert: 1837/39



Frédéric Chopin

Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 35

Ivo Pogorelich

Laserlight/Delta Music 14 169
(1980) Komponiert: 1837/39



1961. Die Wände in Wladimir Horowitz Wohnzimmer leerten sich. Er war gezwungen, seine wertvollen Gemälde zu verkaufen, denn langsam wurde das Geld knapp. Seit fast neun Jahren war er nun nicht mehr öffentlich aufgetreten, und viele glaubten, er werde es auch nie mehr tun.
An diesem Tiefpunkt beging sein Label RCA einen fatalen Fehler. Es feuerte Horowitz, weil seine letzten Platten mit Clementi und Skrjabin wie Blei in den Regalen lagen. Die Konkurrenten von der CBS ließen sich nicht bitten und nahmen den Erbosten sofort unter Vertrag. Seine erste Studioaufnahme, mit der er es allen Skeptikern zeigen wollte, wurde eine Sensation und ein Bestseller dazu. Das Hauptstück ist eine b-Moll-Sonate von Chopin, die für mich nicht ihresgleichen hat und zu den großartigsten Klavierplatten zählt, die es überhaupt gibt. Der Löwe war erwacht.
Der erste Satz wird ja oft hysterisch heruntergedonnert. Horowitz aber nimmt das Hauptthema reiterlich-federnd, spielt mit seiner versteckten rhythmischen Zweideutigkeit. Das zweite Thema beginnt er dann so zart und zerbrechlich, dass seine Steigerungswellen umso gewaltiger wirken. In der Durchführung kracht es dann ganz gewaltig, doch solche Unwetter entstehen eben aus größten Temperaturgegensätzen. Über allem aber eine überlegte, göttliche Ausgewogenheit - auch den zweiten Satz balanciert er aus zwischen knatternden Oktaven und einem singenden Legato. Niemand spielte die Stakkato-Schlussoktaven im zweiten Satz brütender, unheilsschwangerer. Im Unisono-Finale ist er unerhört transparent. Eine Gespenstertoccata ist das. Ein Juwel unter Horowitz nicht eben wenigen herrlichen Aufnahmen.
Einen echten Reißer kann man bei Ivo Pogorelich hören. Der hat die Sonate beim Chopin-Wettbewerb in Warschau 1980 als fiebrigen Albtraum entworfen. Ein Mitschnitt dokumentiert das. Mehr als in seiner anschließend aufgenommenen kreuzbraven Studioproduktion erlebt man hier ein gehetztes Ringen, eine b-Moll-Tragödie mit katastrophalem Ausgang. Schon das Hauptthema, bei Horowitz so elegant-schwebend, stürmt immer weiter, als würde der bei Pogorelich infernalisch schnelle Finalsatz eine Art Sog ausüben. Horowitz' olympische Klarsicht hat Pogorelich nicht, aber er findet ungewöhnlich viel beunruhigende, beängstigend auseinanderstrebende Energie in diesem romantischen Hauptwerk. Die Zuhörer husteten demonstrativ-empört.

Matthias Kornemann




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