Konjunktureinbrüche, wie sie die meisten italienischen Belcanto-Opern von Zeit zu Zeit hinnehmen müssen, kennt sie nicht. Seit ihrer triumphalen Uraufführung 1835 erfreut sich Donizettis "Lucia von Lammermoor" nach einem Roman von Walter Scott ungebrochener Popularität. Dies wahrscheinlich auch deshalb, weil die Titelpartie zu den Paraderollen vieler Sopranistinnen zählt. Welcher Stimmtypus allerdings dafür der angemessene ist, darüber herrscht keineswegs Einigkeit. Fanny Tacchinardi-Persiani, die Lucia der Uraufführung, war ein leichter virtuoser Koloratursopran. Sie legte das Fundament für eine Aufführungstradition, die heutzutage in Edita Gruberova ihre fulminanteste Vertreterin hat. Doch dürfte Donizetti ein etwas dramatischerer Sopran vorgeschwebt haben, der trotzdem koloraturfähig sein muss.
Diesen Typ repräsentierte auf überragende Weise Maria Callas. Die Lucia zählte denn auch zu ihren Glanzpartien; zweimal hat sie diese Oper unter ihrem großen Mentor Tullio Serafin auf Schallplatte eingespielt. Obwohl beide Aufnahmen Maßstäbe setzten, gebe ich einem Live-Mitschnitt den Vorzug, der lange Zeit nur als Raubpressung erhältlich war, aber von der EMI in technisch überarbeiteter Form im Rahmen ihrer Callas-Edition veröffentlicht wurde. Im September 1955 gastierte das Ensemble der Mailänder Scala unter Herbert von Karajan mit Donizettis "Lucia" in Berlin. Nicht nur sind Intensität und Spannung dieser Bühnenaufführung noch um einiges größer als in den beiden Studioproduktionen, auch Karajan am Pult macht diesen Mitschnitt, trotz mancher technischer Mängel, zum außergewöhnlichen Ereignis.
Selbst in die simple, die Singstimme harmonisch bloß stützende Pizzicato-Begleitung der berühmten Wahnsinns-Szene legte er so viel an Atmosphäre und Ausdruck, wie ich das von keinem anderen Dirigenten kenne. Die Callas präsentierte sich an diesem Abend in Höchstform. Kein Ton, der von ihr nicht wahrhaftig erlebt, keine Phrase, die nicht aus dem Innersten ihrer Seele heraus gestaltet wurde. Und mit Giuseppe di Stefano als Edgardo kann es bis heute kein anderer Tenor an Schönheit des Klangs und ausdrucksstarker Phrasierung aufnehmen.
Donizettis "Lucia von Lammermoor" konnte sich zwar seit der Uraufführung im Repertoire behaupten, musste sich aber immer wieder Eingriffe in die Partitur gefallen lassen. Das Turmbild zu Beginn des zweiten Aktes, in dem Lucias Bruder Enrico ihren Geliebten Edgardo aufsucht und ihn mit der Nachricht, Lucia vollzöge soeben die Brautnacht mit dem ungeliebten Arturo, zum Duell provoziert, wird fast immer gestrichen. Leider fehlt diese wichtige Szene auch in vielen Gesamtaufnahmen, nicht jedoch in der jüngsten Studioproduktion unter Charles Mackerras, der die komplette Fassung von 1835 seiner Aufnahme zugrunde legte. Mackerras ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er, erstmals bei einer italienischen Belcanto-Oper, ein Originalklangensemble heranzog. Das hat schärfere Akzente, abwechslungsreichere Orchesterfarben und eine größere dynamische Spannweite zur Folge. Das alles macht mir diese Aufnahme lieb und teuer, obwohl unter den Sängern herausragende Persönlichkeiten vom Schlage einer Maria Callas fehlen.

Peter Blaha




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