Claude Debussy

Pelléas et Mélisande

Claude Dormoy, Michèle Command, Gabriel Bacquier, Jocelyne Taillon, Roger Soyer, Manique Pouradier-Duteil, Nationalorchester von Lyon, Serge Baudo

RCA/BMG 74321 32225 2
(1978) 2 CDs, Komponiert: 1893-1902, Uraufführung: 30. April 1902 in Paris


Claude Debussy

Pelléas et Mélisande

Richard Stilwell, Frederica von Stade, José van Dam, Nadine Denize, Ruggero Raimondi, Christine Barbaux, Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan

EMI 7 49350 2
(1978) 3 CDs, Komponiert: 1893-1902, Uraufführung: 30. April 1902 in Paris


Die Komposition von Debussys einziger vollendeter Oper streckte sich über qualvolle zehn Jahre des Schaffens und Verwerfens, von 1893 bis zur Pariser Uraufführung 1902. Und bis zu seinem Tod feilte Debussy weiter an der Partitur. Das Werk, das den Komponisten derart bannte, stellt auch die Interpreten vor Schwierigkeiten und Rätsel. Im "Pelléas" gibt es keine einprägsamen Arien und Ensembles, keine opernhaften Emotionen. Der belgische Dichter Maurice Maeterlinck hat mit dem Stück einen Prototyp des "lyrischen Dramas" geschrieben, nicht von dramatischen Konflikten bewegt, sondern von innerem Erleben, das nur in gestammelten Andeutungen nach außen dringt. Eine Stimmung ungreifbarer Bedrohung liegt über dem Stück. Debussy hat mit der Komposition dieser Vorlage der Oper völlig neue Ausdrucksbereiche eröffnet, sehr leise und zarte, die sich nicht leicht erschließen.
Serge Baudos Aufnahme von 1978 nähert sich dem Rätsel recht unbefangen mit straffen Tempi und einem hellen, fast scharfen Orchesterklang. Baudo hat keine Angst, im dichten Motivgewebe irgendein Fädchen zu verlieren oder die Schönheit einer harmonischen Wendung nicht voll ausgekostet zu haben. So wie Debussy eine melodische Linie oft nur hintupft und dann abreißen lässt, deutet diese Aufnahme vieles nur an, lässt der Ahnung Raum.
Spielerisch löst Baudo so das Geheimnis. Er versucht nicht, jedes Partiturdetail aussaugend, den Figuren schwüles seelisches Erleben einzuhauchen. Er stellt sie wirklich als Marionetten vor, die hilflos einem Verhängnis entgegeneilen, transparente Spielfiguren ihres Schicksals in einer erträumten Welt. Das Ensemble mit Michèle Commands schlanker, jugendlicher Mélisande und dem neben José van Dam besten Golaud der zweiten Jahrhunderthälfte, Gabriel Bacquier, ist fantastisch. Hier gipfeln Klarheit und Helle der französischen Pelléas-Tradition.
Bei Herbert von Karajans Aufnahme erscheint die Partitur viel schwelgerischer. Aus den teilweise nachträglich verlängerten Orchesterzwischenspielen, die beim Bühnenumbau notwendig wurden, macht Karajan kleine Dramen, die all das weiterfantasieren, was die Figuren nur andeuten. Die Klangkultur der Berliner Philharmoniker ist beispiellos. Karajan legt mehr Gewicht auf jedes Motiv - hier könnte alles bedeutend sein. Er wandelt an einem Abgrund. Ein wenig mehr Gefühlsdruck, und er landete bei der genussvollen Zerfaserung eines Abbado - und alle Andeutungsvagheit wäre dahin. Doch Karajan hält Balance, und er bietet mit Frederica von Stade und José van Dam ein weiteres Traumpaar Mélisande/Golaud auf. Leider ist sein neurasthenischer Pelléas (Richard Stilwell) ein Ausfall, der die Gefahren allzu grübelnder Pelléas-Exegese zeigt. Je raffinierter das Schauspiel sein will, desto weniger rühren die Figuren an.

Matthias Kornemann




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