Claude Debussy

Nocturnes

Los Angeles Philharmonic, Esa-Pekka Salonen

Sony SK 58952
(1993) Komponiert: 1897-99, Uraufführung: 1901



Claude Debussy

Nocturnes

New Philharmonia Orchestra, Pierre Boulez

Sony SM2K 68327
(1968) 2 CDs, Komponiert: 1897-99, Uraufführung: 1901



Nocturne - der Name lässt gleich an die sensiblen Miniaturen eines Field und Chopin denken, an intime Monologe in einsamen nächtlichen Interieurs, bei geschlossenen Türen. Debussy aber meinte etwas anderes. In seinen "Nocturnes" sucht er die Stimmungen nächtlicher Natur zu fassen. Bei dem Titel dachte er nicht an Chopin, sondern an James Whistler, einen exzentrischen amerikanischen Maler, den er auch persönlich kannte. Der pflegte seine Bilder mit musikalischen Titeln zu versehen. In seinen "Nocturnes" erprobte er, wie viele Nuancen man einer Farbe wie dem Nachtblau entlocken konnte.
Und genau die Kunst, die Farben des Orchesters in unendliche Tönungen aufzusplittern, vervollkommnete auch Debussy in seinen "Bildern". Das erste - "Wolken" - entwirft ein subtiles Grau in Grau, das zweite, "Feste", ist durchpulst vom Wirbel und Licht eines nächtlichen Festes im Bois de Boulogne, und dann kommt das dritte, herrlichste, die "Sirenen". Zur See hat sich Debussy immer hingezogen gefühlt, dem Element der Depressiven, und in vielen seiner Werke hört man sie anbranden. Doch nirgendwo fühlt man sich derart mächtig mit allen Sinnen ins maritime Dämmerlicht gesogen, meint den Salzgeruch zu riechen, wie im dritten Nocturne. Sind es die Sirenen, die er hier seinem Orchester hinzufügt, die uns so verzaubern mit ihren überirdischen Vocalisen, dass wir immer wieder hören wollen?
Gegen die Streichung von Lieblingsplatten ist man furchtbar machtlos. Vielleicht hülfe es, wenn jeder Leser hier der Decca schriebe, sie möge die berühmte Aufnahme mit Ernest Ansermet wieder veröffentlichen? Ansermet kannte Debussy noch persönlich, und doch nahm er sich heraus, die viel schönere erste Fassung der "Sirènes" (1901) zu dirigieren. Auch wenn Esa-Pekka Salonen die definitive Version von 1930 wählt, ist diese Aufnahme aus Kalifornien ein Genuss. Man spürt die Neugierde des dirigierenden Komponisten Salonen, der interpretierend hinter die Tricks des Altmeisters Debussy kommen will. Wie er das Riesen-Crescendo des "nächtlichen Umzugs" der "Fêtes" anheizt, das ist ein geradezu furtwänglersches Dirigier-Kunststück. Diese Prachtaufnahme braucht sich nicht einmal vor Ansermet zu verstecken.
Pierre Boulez beruft sich als Messiaen-Schüler auf Debussy, und hier in den "Nocturnes" ist sein Dirigat wirklich einmal analytisch (ein Zug, den man ihm wohl bereits unterstellt, wenn er seinen Wecker stellt ...). Er pusselt die Stimmen auseinander, seziert gern heraus, wie sich die Holzbläser die Stimmen überreichen, und gelegentlich holt er die ganz große Lupe hervor und vergrößert, nimmt ein Paar Takte hervor; ganz erstaunlich an einer Stelle, die ich besonders mag, in den "Sirenès", wo über dem synkopischen Gewoge der Streicher die Trompeten so todtraurig spielen. Boulez lässt die Musik stillstehen, bis die Töne über den Wellen zu zerflattern scheinen. Was für ein empfindsamer Analytiker, dass er aus diesen schwermütigen Takten nicht mehr fortwollte!

Matthias Kornemann




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