Frédéric Chopin

Klaviersonate h-Moll, Fantasie f-Moll op. 39, Walzer, Etüden u.a.

Mikhail Pletnev


Deutsche Grammophon 453 456-2
(77 Min.) 1 CD

Daß ein kühler Analytiker wie Mikhail Pletnjew bei seinem Solisten-Debüt für das gelbe Label ausgerechnet ein reines Chopin-Programm auswählen würde, ist für manche gewiß eine kleine Überraschung, denn Chopins tiefgründige Seelenmusik ist eigentlich nicht seine Sache. Schon vor neun Jahren, als er bei Virgin seine ersten Chopin-Aufnahmen herausbrachte, flüchtete er sich in virtuose Manierismen und schmachtenden Rubato-Taumel.
Inzwischen hat er diesen Ansatz weiter perfektioniert: Ein von aller metrischer Disziplin losgelöster, fast autistisch anmutender Erzählton scheint die zeitgemäße Chopin-Sicht Pletnjews zu sein - und so fügt er sich nahtlos in das seit Jahren praktizierte Exzentriker-Konzept seines Labels. Natürlich sind Anschlagsraffinesse und Transparenz seines Spiels nach wie vor faszinierend, konkurrenzlos, aber was wir da hören, etwa in den so wunderbar zwischen Stolz und Melancholie hin und her pendelnden Walzern, sind nicht Chopins heroische Gefühle, sondern es ist die bis ins Detail perfekt inszenierte Vortäuschung von Gefühlen, eiskaltes, manieriertes Kalkül.
Dabei denunziert Pletnjew die h-Moll-Sonate genauso als wüste Ansammlung zerrissener und haltlos-taumelnder Romantizismen wie die Charakter-Miniaturen im ersten Teil seines “Konzept”-Albums, als wolle er uns belehren: Chopin ist doch kein Sonaten-Komponist, sondern lediglich ein sentimentaler Miniaturist. Und so gerät diese Lehrstunde in pianistischer Arroganz schließlich zu einer kümmerlichen Selbstbeschau eines emotional defizitären Virtuosen.

Attila Csampai, 30.04.1997


Kommentare

Kommentar posten

Gflat87
Die Veröffentlichung dieser rezension mag 15 Jahre zurückliegen, dennoch bedarf sie sehr wohl einiger Kritik. Dies ist die egoistischste Rezension, auf die ich je gestoßen bin. Dass ein Mensch Pletnev's spontanes, kreatives und so ausdrucksstarkes Klavierspiel als "eiskaltes, manieriertes Kalkül" bezeichnet, verschlägt mir einfach nur die Sprache.
Pletnev ist ganz und gar nicht ein schlechter Chopin-Spieler, die Musik des polnischen Komponisten liegt ihm ebenso gut wie die von Tchaikovsky. Was Pletnev hier nicht nur an Differenziertheit und Anschlagsrafinesse, an Virtuosität sondern vor allem an Ausdrucksstärke und emotionaler Bandbreite bietet, ist selten in Chopin zu hören. Dieser zarte, verletzliche Anschlag, der einen zu Tränen bewegen kann! In jeder Note so eine Zärtlichkeit, so ein Gefühl! Pletnev's Chopin-Interpretationen gehören zu den besten in der Klassikwelt. [---]
Diese Rezension offenbart uns tatsächlich mehr über Sie als über Herrn Pletnev. Schade! Ein Glück, dass es auf anderen Webseiten noch bodenständigere Autoren gibt, die in einem menschenwürdigen Tonfall kritisieren können.
Auf Wiedersehen!

-------------
Antwort der Redaktion:

Sehr geehrte Frau K.,
wie stets kann man auch über Pletnevs Spiel kontrovers diskutieren Aber tatsächlich ist diese Kritik schon etwas älter und Herrn Csampai wird Ihr Kommentar hier nicht mehr erreichen. Daher wurde der persönliche Angriff auf ihn getilgt.
Die Redaktion



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Ein Schuss setzt die Welt in Brand: Vor einhundert Jahren, am 28. Juli 1914, erklärte das Kaiserreich Österreich-Ungarn Serbien den Krieg - der Auftakt zur Mobilmachung in ganz Europa. Wie unwahrscheinlich ein Kriegsausbruch nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger eigentlich war, und wie viele persönliche Macht- und Fehlentscheidungen von höchster, aber auch ministerialer Ebene dazu nötig waren, hat gerade der Historiker Christopher Clark in seinem Buch neu aufgearbeitet. Von ganz anderer, nämlich musikalischer Seite nähert sich die Sopranistin Anna Prohaska dem Thema. Ihr neues Album reflektiert das Datum, das das "Jahrhundert der Kriege" einläutete, mit einem weit gesteckten Repertoire, das über Sarajevo und Verdun hinausweist. Von Soldatenliedern des Dreißigjährigen Krieges bis zu Propagandagesängen, vom "Trommellied" aus Beethovens "Egmont", über Schumanns "Grenadiere", bis hin zu Liedern von Liszt, Fauré, Mahler, Ives, Weil und Eisler reichen die Zeugnisse, die Prohaska an der Seite ihres Pianisten Eric Schneider dafür aufruft. Aus flackernder Begeisterung und auswegloser Verzweiflung entsteht hier das musikalische Porträt einer Ausnahmesituation - die bis heute alltäglich geblieben ist.